Der Krimi ensteht

20140322 Demo mit Schild kleinerDas 5. Kapitel (dritter Teil)

Polizeicomputer und Bundeszentralregister kannten Herrn und Frau Hollfelder zwar nicht, aber zu Julias Überraschung war das Internet voll von ihnen. Vor allem Einträge zu einer Initiative „Eine Welt für Kinder – gegen Kinderhandel, Kinderarbeit, Kindermissbrauch“, Aufrufe, Infostände, Reportagen. Und immer wieder das Ehepaar Hollfelder auf den Fotos, offenbar seit vielen Jahren im Vorstand des Trägervereins. Sie wirkten immer sehr ernst und angespannt, fand Julia, fast verbissen im Dienst der guten Sache. So etwas war Julia immer schon suspekt gewesen. Was wahrscheinlich an ihrer Mutter lag, die immer genauso dogmatisch ihre Ideen vertreten hatte, egal ob am Frühstückstisch oder vor Julias Freundinnen. Julia scrollte weiter in der Ergebnisliste, endlich, Liars … Da schau an! Eine Protestaktion der Initiative vor dem Gerichtsgebäude. Sie zoomte das Foto mit der Gruppe größer und erkannte das Ehepaar, wenn auch etwas verpixelt. Da hatten sie also gegen den Liars protestiert, den sie als Nachbarn laut Protokoll auf einmal nicht mehr kannten. Das reichte locker. Sie druckte die Seiten gerade aus, als Niklas hereinstürzte: „Die Akten von damals sind nicht im Archiv, heute früh ausgeliehen … jetzt rate mal von wem?!“ „Nein?!“ „Doch, unser lieber Kollege Heid. Ist jetzt übrigens nicht mehr erreichbar ist, also für wie blöd hält der uns denn?“ Julia dachte nach, was Niklas gerade nicht mehr so gut konnte: „Der weiß doch, dass wir das bemerken. Aber er macht es trotzdem macht. Also muss er schon einen sehr wichtigen Grund haben. Da steckt was anderes dahinter, Niklas. Aber jetzt schau erst mal hier!“ Julia zeigte ihm das entscheidende Foto. „Ok, dann nehmen wir uns zuerst diese … wie hießen sie gleich … auf jeden Fall persönlich vor. Sobald sie zuhause sind, fahren wir hin.“

Vor der Wohnanlage parkte Niklas den Wagen an derselben Stelle wie in der Nacht zuvor und sah zu Julia auf dem Beifahrersitz: „Unsere erste gemeinsame Vernehmung.“ Julia lächelte schmal, während Niklas ihren Blick suchte: „Also, wie besprochen, genügend Zeit für die Atmosphäre. Ich wärme ihn ein bisschen an, du kümmerst dich um sie. Sobald sie sich etwas entspannen, komme ich direkt auf den Punkt, den Zeitungsartikel.“ „Hab ich hier“, Julia zeigte auf ihre Mappe. „Das müsste reichen, damit sie reagieren. Diese Gutmenschen verschweigen uns was, das ist sicher. Mal sehen, wie lange sie ihre Lügen durchhalten bei ihren hohen moralischen Ansprüchen.“ „Verstanden, alles klar, gehen wir“, Julia hatte schon die Wagentür geöffnet, als Niklas Handy vibrierte: die Nummer des Kriminaltechnischen Dienstes. Er stellte auf Lautsprecher. „Was gibt’s?“ „Wir haben uns die DVD mit dem Kinderporno angeschaut. Die Filme, die drauf sind, bringen uns gar nichts, also versteh‘ mich nicht falsch, ich meine: das ist zwar ekelhaft, aber alles mehr oder weniger öffentliches Material, so weit man das in dem Fall sagen kann, also alles von irgendwelchen Webseiten runtergeladen. Das kannst du an den Dateien erkennen.“ „Mist, sonst ist nichts drauf?“ „Doch, wir haben Reste einiger überschriebener Dateien gefunden, da sind wir noch dran. Irgend so etwas wie Protokolle von Sitzungen einer Initiative, wir können damit noch nichts anfangen, aber ihr hört von uns, sobald wir das genauer haben.“ Julia und Niklas sahen sich an: das passte gar nicht zu den Hollfelders. Oder war das alles so einfach und sie hatten sich von der bürgerlichen Fassade täuschen lassen? Julia tastete nach ihrem Schulterhalfter. Niklas registrierte ihre Bewegung: „Wer weiß, ob das jetzt gleich wirklich so entspannt wird, wie wir uns das vorstellen, kein Risiko, ja?!“

20140302 SandalenDas 5. Kapitel (zweiter Teil)

„Nicht die Schriftzeichen, was dann?“, Niklas klang überrascht. „Nachbarn, die nichts gesagt haben.“, Julia erklärte Niklas die verdächtigen Lücken. „Sehr gut!“, Niklas stockte kurz, „Bei mir gibt’s übrigens auch was Seltsames … ich melde mich gleich nochmal.“ Er sah auf und wandte sich mit einem entschuldigenden Schulterzucken wieder dem kleinen, bierbäuchigen Mann zu, der ihm zuliebe das Unkrautjäten unterbrochen hatte. Kurze Cargohose, weißes Feinrippunterhemd und ehemals weißen Socken in den Sandalen. In seiner Uniform hat der früher sicher einen besseren Eindruck gemacht, dachte sich Niklas. Aber offenbar fühlte sich der Kollege im Ruhestand nun in diesem Aufzug wohl. „Also, Herr Altkamp, ich fasse nochmal kurz zusammen: da war der Anruf, Stimmen in einem LKW-Anhänger mitten in dieser Neubausiedlung aus den 80ern. Sie fuhren hin, brachen den Container auf und fanden die Kinder.“ Petter Altkamp nickte eifrig: „Ja, von außen alles schick, dicker Aufdruck von der Spedition, von diesem Liars, und drinnen die 18 Kinder in ihrem ganzen Elend. Nichts mehr zu essen, nichts mehr zu trinken, kein Klo. Wie die am Schluss überhaupt überlebt haben?! Die jüngsten waren drei, die ältesten so 14 oder 15.“ Er schwitzte jetzt noch mehr. „Wir waren hier alle schockiert. So etwas mitten unter uns, unvorstellbar. Haben geholfen so gut es ging. Natürlich mussten die alle sofort ins Krankenhaus. Aber dann kam die Wut. Wer tut so etwas? Wir wollten diese Verbrecher unbedingt zu fassen kriegen … “ „Und?“, fragte Niklas nach, „Was haben Sie mit Ihren Kollegen dann ermitteln können?“ „Paah“, Petter Altkamp schnaubte kurz und schob sich seine Schirmmütze nach hinten, „das war ja das Verrückte. Die ließen uns nicht. Obwohl wir uns hier doch am besten auskennen. Die Kripo hat den Fall komplett an sich gezogen. Die haben danach vielleicht noch ein oder zwei Mal mit uns gesprochen, da war’s dann aber auch. Wie auf einem persönlichen Rachefeldzug, so verbissen sind die an die ganze Sache rangegangen.“ Er überlegte kurz. „Der eine war der schärfste von allen, wie hieß der denn gleich … ach ja, Heid.“ Niklas sah ihn überrascht an; diesen Namen musste er sich nicht notieren.

Im Auto hatte er Julia am Telefon, die schon nach wenigen Sätzen dazwischen platzte: „Der Sven? Warum will er dann nicht bei der Soko mitmachen? Jetzt könnten wir den Kinderhandel doch vielleicht aufklären!“ „Ja, eben …“ grübelte Niklas, „ich schaue mir auf jeden Fall im Büro die Akten von damals an. So was kann ich nämlich gar nicht haben bei Kollegen!“ Julia zog die Augenbrauen hoch: „Na dann bis gleich.“

20140219 Puzzle2Das 5. Kapitel (erster Teil)

Zweimal schon hatte Julia den Stapel an Protokollen durchgelesen, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Den Kollegen war es tatsächlich gelungen, alle Nachbarn noch am Morgen abzupassen und zu vernehmen. Leider ähnelten sich die belanglosen Aussagen alle: Nichts gesehen, nichts gehört, kein Auto in der Tiefgarage, kein Fremder im Treppenhaus. Julia rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Das war dieses Gefühl von früher. Als Kind, als sie immer so gerne Geduldspiele machte, Puzzle, Suchbilder, all so etwas. Und dann nicht weiter wusste, immer ganz dringend auf Toilette musste und dann doch nichts kam. Irgendwann fing sie damals an, es auszuhalten, einfach sitzenzubleiben, und wenn sie lange genug sitzengeblieben war, dann fand sie plötzlich das fehlende Teil oder die versteckte Figur. Genau deshalb blieb Julia auch jetzt sitzen an ihrem Schreibtisch. Es war nicht der Kaffee vorhin mit Niklas, nein. da gab es irgendetwas direkt vor ihrer Nase und sie sah es nicht. Sie mischte die Protokolle einmal durch wie ihre Puzzleteile früher. Oft drängte sich dann nämlich das passende Teil nach vorne, fast wie von selbst. Sie musste nur genau hinschauen. Also, zum dritten Mal die Protokolle. Keiner schien mit dem Opfer näheren Kontakt gehabt zu haben. Logisch! Liars war vor etwa drei Jahren dort eingezogen, also gegen Ende des Kinderhandel-Prozesses. Sein ungewöhnliche Name, die Firma, das große Medienecho damals, da war klar, dass die Nachbarn recht schnell wussten, wer sich in ihre Wohnanlage eingekauft hatte. Auch wenn er freigesprochen worden war, irgendetwas blieb immer hängen. Das hörte Julia aus den Protokollen. „… wollten nicht so viel mit ihm zu tun haben …“ „… wird ja vielleicht doch was dran gewesen sein …“ „… hatte angeblich eine Tochter, aber die hat man nie hier gesehen, na warum wohl …“ Julia stutzte, blätterte im nächsten Protokoll vor, wieder zurück, las nochmal von Anfang an, Satz für Satz … und fand nichts. Sie sah auf die Daten: Hollfelder hießen die, ein Ehepaar, und sie waren die einzigen Nachbarn, die nichts zur Vergangenheit von Liars gesagt hatten. Seit über fünf Jahren wohnten die dort, die mussten das wissen! Da lobten sie die gute Hausgemeinschaft und redeten nicht über den neuen Nachbarn. Julia lächelte und erinnerte sich an die passenden Puzzleteile, ja genau, so fühlte sich das an. Sie musste gleich Niklas anrufen. Doch vorher ging sie zur Toilette.

20131123 KaffeeautomatDas 4. Kapitel (vierter und letzter Teil)

„Guten Morgen und willkommen bei der Soko ‚Brandmal‘ … schön, dass das wieder so kurzfristig funktioniert hat.“ Reinhold Krapp, der Chef wie sie ihn alle nannten, hatte Punkt neun Uhr den Besprechungsraum betreten und kam sofort zur Sache. Er blickte kurz in die Runde und nickte. Offensichtlich sind wir vollzählig, dachte Niklas und bewegte seine Augen unter den schweren Lidern einmal um den großen Tisch herum. Zu sechst waren sie, ziemlich viel für den Anfang. Der Chef schien die Sache wohl ernst zu nehmen. Niklas‘ Augen beendeten ihre Runde rechts von ihm bei Julia. Sie war unverändert, er sah nach unten, wieder die Turnschuhe. „Warst du gar nicht zuhause?“ „Nein, hab doch das Zeichen recherchiert … und dann waren es eh nur noch zwei Stunden.“, kam matt zurück. Er sah sie fragend an: „Und, wenigstens erfolgreich?“ „Wie man’s nimmt: es ist Jawi, so was wie ein erweitertes arabisches Alphabet, da bin ich mir ziemlich sicher. Laut Wikipedia wird diese Schrift in Brunei, Malaysia und Indonesien verwendet. Aber für mich sind es bis jetzt nur zwei Buchstaben. Mehr nicht.“ „Gibt’s da nicht immer mehrere Bedeutungen, so wie im Chinesischen?“  „Weiß nicht, hab es jetzt  intern weitergegeben. Da hätte ich mir mehr erhofft, irgendeinen Racheschwur oder so was in der Art.“ Niklas hob die Augenbrauen: „Na, nicht so schnell aufgeben, so leicht geht das hier nicht, was denkst du denn?“

Der Chef räusperte sich: „Also, kurz die Fakten: das Opfer heißt Leon Liars, 52 Jahre alt, wohnte erst seit einem Jahr in dem Penthouse. Geschäftsführer der Spedition xxx. Vor zwei Jahren war er angeklagt wegen angeblichem Kinderhandel, wurde dann aber freigesprochen.“ Julia sah aus den Augenwinkel, wie alle sich auf ihren Stühlen aufrichteten. Da verstand keiner ihrer Kollegen Spaß, egal ob Familienvater oder nicht.  „Die Sache hat damals für ziemlich viel Wirbel gesorgt. Deswegen habe ich auch den Kollegen Heid mit in die Soko genommen, er hat damals ermittelt.“

Sven Heid sah nur kurz auf, als sich alle Augen für einen kurzen Moment auf ihn richteten.

„Malter, Sie leiten die Soko. Informieren Sie mich täglich über den aktuellen Stand.“ Niklas nickte. Krapp würde sich auf ihn verlassen können. Er würde sein Bestes geben. Und diesmal alles, aber wirklich alles im legalen Rahmen, schwor sich Niklas. Wenn der Chef ihn diesmal schon wieder rausboxen müsste, würde dem das sicher absolut nicht gefallen.

„Ach ja, noch eines:“, hielt sie Krapp noch einmal auf, als sie bereits alle von ihren Stühlen aufgestanden waren. „Haltet mir die Presse draußen, solange es irgendwie geht. Ich will keine dieser Lynchjustiz-Aufrufe lesen, von wegen Gerechtigkeit für einen Kinderschänder oder so etwas. Und lasst ihr euch bei euren Ermittlungen auch nicht darauf einengen: das war ein Freispruch vor zwei Jahren, vergesst das nicht!“

Niklas und Julia standen auf dem Gang noch kurz nebeneinander. „Kaffee?“, fragte Julia, da stieß Niklas sie leicht an und zeigte mit dem Kopf in Richtung Tür. Von dem, was ihr Kollege Sven Heid dort zum Chef sagte, konnten sie nur Fetzen verstehen:  „… zu viel noch mit dem anderen Fall …außerdem ist meine Frau krank … Kinder kümmern … Ihnen dankbar, Herr Krapp … nicht zu dieser Soko …“ Die beiden entfernten sich langsam den Gang hinunter, da rief Niklas hinterher: „Hej, Sven, wir brauchen dich doch!“ Doch der drehte sich nur kurz um und zuckte halbherzig mit den Schultern, ohne ein einziges Wort. „Ist der immer so?“, fragte Julia. „Nein, der ist eigentlich ein Guter.“, raunte ihr Niklas zu.

20131125 spanierin blondDas 4. Kapitel (dritter Teil)

Herr Malter, alles ok mit Ihnen?“ Niklas drehte sich langsam um. Diese Stimme kannte er: „Ja, klar, Herr Staatsanwalt.“ Der Gehlen. Sehr gut, dann konnte der ja weitermachen und für Niklas gab es nun nichts mehr zu tun hier. Außerdem standen der Staatsanwalt und Isa sowieso viel zu nah beieinander, wie Niklas fand. Er nickte ihnen knapp zu und ging. An der Ecke sah er noch einmal kurz über die Schulter: wieso war heute eigentlich schon wieder der Gehlen dran, hatte der nicht Urlaub?

Unten auf der Straße war kaum mehr ein Mensch zu sehen. Er klopfte an den VW Bus der Kollegen, die nur mit dem Kopf schüttelten. Nichts Verwertbares also von den gaffenden Zuschauern. Niklas konnte erst mal nach Hause.

Als er seine Wohnungstür hinter sich schloss, ließ er seine Taschen vom Wochenende im Flur fallen. Warum hatte er die vorhin noch nicht nach oben gebracht? Ach so, ja … dann endlich Schuhe abstreifen, Bier aus dem Kühlschrank, auf’s Sofa fallen und ein sehr langer Zug aus der Flasche, bei dem ihn das aufgerissene Loch begleitete, sobald er die Augen schloss. War dieser Kerl jetzt ein armes Schwein oder ein perverses? Hatte er seine gerechte Strafe bekommen? Niklas wusste, dass er so nicht denken durfte. Keine Vorurteile, keine Schublade. Nur, was sollte das mit dem Kinderporno auf dem Fernseher? Er verstand es nicht. Weder dass der da lief noch dass es das überhaupt gab. Wie konnten erwachsene Männer nur … dann zog er sich sein Notebook herüber, klickte auf eines seiner Lesezeichen in der Rubrik „porns“ und gab ins Suchfeld ein: „Spanierin blond“.

20131107 Eier zu zweitDas 4. Kapitel (zweiter Teil)

„Also ein Mann ohne Eier? Soll es ja geben …“ Auch mit dem zynischen Unterton fand Niklas ihre dunkle Stimme immer noch sexy. Vor allem im Kontrast zu ihren blonden Haaren, die so gar nicht dem Klischee einer Spanierin entsprachen. Er sah möglichst schnell wieder in sein Notizbuch: „Das andere Rätsel: wie wurde er überwältigt und fixiert? Wie du siehst, keine Kampfspuren. Ich hoffe, du findest da etwas, was uns weiterhilft.“ Niklas legte die Stirn in Falten, gab den angestrengt grübelnden Kriminalisten und konnte sich auf diese Art endlich abwenden und auf die Terrasse hinausstarren. Wo war nur seine Souveränität geblieben?

Am Gemurmel und Geklapper erkannte er, dass sich das Penthouse langsam zu füllen begann. Die Männer in ihren weißen Overalls arbeiteten sich akribisch von der Eingangstür her vor. Niklas kannte den Ablauf: immer wieder Blitzlicht, Markierungen, Anweisungen, Nummerntafeln. Blitzlicht … Stille. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wo die Kollegen jetzt standen. Tiefes Durchschnaufen, kurzes Aufstöhnen, aber das gab sich wieder. Schließlich waren das Profis. Von denen einige Niklas offenbar noch nicht kannten: „Lag hier außer dem Messer wirklich nichts rum? Die müssen doch eine ganze Menge Werkzeug dabei gehabt haben?“ Niklas schnellte herum: „Also bitte, Kollegen, meint ihr, ich habe hier was weggeräumt? Und woher wisst ihr, dass es mehrere waren? Wohl schon so viele Spuren identifiziert?“ Sollten sie doch ruhig merken, was er von Inkompetenz hielt, und er schob gleich nach: „Da hinten die Kleidung, schaut doch mal, ob sie dem Opfer gehört und ob die ihm jemand zusammengelegt hat?“ Er rieb sich die Augen, es war spät. Zu spät für ihn.

20131105 Notizbuch3Das 4. Kapitel (erster Teil)

Niklas waren wohl kurz die Augen zugefallen, aber jetzt schreckte ihn eine Stimme auf. Er blinzelte und sah den Kollegen von der Tür, wie er vorsichtig um die Ecke wies: „Dahinten ist es, Frau Dr. Gonzalez.“ Dann war die Gerichtsmedizinerin auch schon mit wenigen Schritten direkt vor ihm. Niklas erinnerte sich an ihre Beine, ärgerlicherweise viel zu genau. „Alles klar?“, hörte er sie von oben. Niklas drückte sich an der Wand ab und versuchte, so schnell wie möglich wieder auf Augenhöhe zu kommen. Den scharfen Stich im Knie ließ er sich nicht anmerken und beugte sich gleich Dr. Gonzalez entgegen, um sie mit einem Wangenkuss zu begrüßen, als er zu spät die Hand bemerkte, die sie ihm entgegenstreckte: „Hallo, Niklas.“ Gerade noch rechtzeitig brachte auch er seine Hand nach vorne: „Hallo, Isa.“

Niklas zückte hastig sein schwarzes Notizbuch, obwohl er ganz genau wusste, was er darin notiert hatte. „Also .. wir gehen davon aus, dass er gefoltert wurde.“, begann er, erläuterte seine ersten Vermutungen und kam am Ende zu dem Loch im Bauch: „Das ist uns völlig unerklärlich, hast du so etwas schon einmal gesehen?“ „Nein“, Isa Gonzalez trat näher an den Sessel heran und beugte sich über den Toten, „sieht so aus, als wäre das in einzelnen Stückchen herausgerissen worden.“ Sie rümpfte die Nase. „Wir müssen überlegen, wie wir ihn am besten zur Obduktion transportieren, ohne zu viele Spuren zu verlieren. Ich kümmere mich darum.“ Ihr Blick ging tiefer: „Habt ihr seine Hoden schon gefunden?“ Niklas schüttelte den Kopf. Sie sah Niklas ein paar Sekunden zu lange an …

20130904 Roter Faden 3Das 3. Kapitel (vierter und letzter Teil)

Hoffentlich würde die Ärztin seinen Anruf um diese Zeit nicht missverstehen. Schließlich war es nicht gerade dienstlich gewesen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. „Don’t fuck your office!“ Niklas hatte seine eiserne Regel gebrochen und es in derselben Nacht noch bereut. Mist! Jetzt saß er hier mit diesem armen Kerl ohne Eier und einem Loch im Bauch und einem im Gesicht. Da brauchte er keine anderen Probleme. So etwas durfte ihm nie mehr passieren, schwor er sich. Aber es half nichts, sie war nun mal in ihrem Fach die Beste, die sie hatten, und deshalb brauchte er sie hier. Er wählte ihre Nummer. „Niklas hier, ich hoffe ich störe nicht.“ „Ist das alles, was dir nach zwei Wochen einfällt?“ Er räusperte sich. „Nein, aber wir haben eine Leiche, gefoltert, könnte schwierig werden.“ „Ach so“, sie schaltete um auf professionelle Distanz, „dann gib mir dreißig Minuten. Wohin soll ich kommen?“

Niklas sah wieder auf die Uhr, halb zwölf inzwischen. Die berüchtigten 48 Stunden begannen zu laufen, in denen sie den roten Faden für den Fall in den Händen halten sollten. Sonst würde es schwierig bis unmöglich werden. Oder sie müssten auf einen günstigen Zufall hoffen. Und Niklas hasste diese Zufälle. Zwei Tage und zwei Nächte. Das war nicht viel.

20130830 Lötkolben 3Das 3. Kapitel (dritter Teil)

Dabei hätten die beiden das Brandmal auf dem linken Unterarm des Opfers fast übersehen. Daher also der Geruch nach verbranntem Fleisch. Knapp oberhalb des Klebebandes waren mehrere Linien, nicht gerade sehr kunstvoll eingebrannt, aber auch nicht zufällig, sondern eindeutig ein Symbol. Nur wofür? „Ist das asiatisch, Niklas? Das, was ich an Kalligraphie kenne, sieht irgendwie anders aus.“ „Für mich sind das eher Runen oder so etwas Ähnliches.“ Julia schüttelte den Kopf: „Dann müssen die auch was dabeigehabt haben, um so ein Brandzeichen zu machen. Nimmt man da einen Lötkolben? Auf jeden Fall war das alles ganz genau geplant, die haben nichts dem Zufall überlassen.“ „Hat ja auch alles wunderbar funktioniert“, Niklas wurde sarkastisch, „und du meinst auch, es waren mehrere …?

Doch Julia war schon dabei, sich Notizen zu machen. Ihre Daumen huschten über ihr Smartphone. Dann fotografierte sie das Brandzeichen. Sie war sehr blass, fiel Niklas auf. „Ich habe genug davon, könntest du den Rest übernehmen, Niklas, ist das ok?“ Der nickte. Sie atmete auf: „Ich fahr ins Büro und fang mit dem Zeichen an, das ist wenigstens was Konkretes und es wird einem nicht gleich schlecht beim Betrachten. Schlafen geht nach dem Ganzen hier sowieso nicht.“ Sie schloss kurz die Augen: es war noch da, dieses Grinsen. „Vielen Dank, Niklas!“, und weg war sie. Niklas sah ihr nach. Hoffentlich macht sie nicht auch noch am Fenster im Treppenhaus einen Zwischenhalt, dachte er und kauerte sich vorsichtig in einer Ecke auf den Boden, um keine Spuren zu verwischen. Er sah auf die Uhr: 23.05 Uhr. Nachbarn befragen war um diese Zeit sinnlos. Die Kollegen auf der Straße unten könnten allerdings bei den Schaulustigen recherchieren, das würde er ihnen gleich sagen. Aber erfahrungsgemäß brachte das nicht viel. Die Spurensicherung musste jedoch sofort anrücken, sonst verloren sie zu viel Zeit. Der Anruf war schnell erledigt. Und die Gerichtsmedizinerin. Bei so einem Tatort musste sie natürlich vor Ort kommen und das auch möglichst schnell.

20130822 Zähne (Ausschnitt)Das 3. Kapitel (zweiter Teil)

Der Mann schien auch im Sessel noch groß und kräftig. Nackte Arme auf den Lehnen, mit schwarzem Klebeband fixiert. Wer hatte ihn so ohne weiteres fesseln können? Und wer hatte ihn derartig zugerichtet? Niklas‘ und Julias Blicke wanderten tiefer. Die behaarte Brust des Mannes zeigte bis auf einige Kratzer keine Spuren, alles unversehrt. Was man von der Bauchdecke nicht sagen konnte. Dort klaffte ein tiefes Loch, etwa vom Durchmesser eines Trinkglases, die Ränder aufgerissen und auch die Innereien zerfetzt und teilweise herausgezogen. Im Loch schwamm eine Mischung aus Blut und Darminhalt, was den Geruch erklärte. „Da war doch ein Messer in der Küche“, Niklas sah Julia fragend an, „das passt doch nicht zusammen. Da ist kein einziger Schnitt, überall nur Abgerissenes, Aufgerissenes, Herausgerissenes. Ich verstehe das alles nicht!“ Julia nickte und dann brach es aus ihr heraus: „Paah, wie grausam! Bei lebendigem Leib den Bauch ausgehöhlt, das waren doch Schmerzen ohne Ende. Der muss doch geschrieen haben, wie wild getobt oder zumindest getrampelt … bis er dann hoffentlich so schnell wie möglich ohnmächtig geworden ist.“

„So eine perverse und extrem brutale Folterung!“, Niklas‘ Stimme zitterte. Er drehte sich zur Wand und stierte auf die modernen Grafiken, die akkurat an den Wänden hingen. Hatte sich der Mann das gedacht, als er die Bilder aufhing. Dass es die letzten sein würden, die er in seinem Leben sah? Tröstlich fand Niklas diese kühlen Bilder jedenfalls nicht. Er ließ seinen Blick wieder kurz über den Gefolterten gleiten: „Das ist doch ein kräftiger Typ. Wie alt mag der sein, vielleicht fünfzig. So einer wehrt sich doch. So einen bindet man doch nicht so schnell mal eben an einem Sessel fest.“ Er notierte sich „Wie wurde Opfer gefügig gemacht?“ in das kleine schwarze Notizbuch, das er bei seinen Ermittlungen immer dabei hatte. „Aber nach einem Kampf sähe das hier anders aus“, überlegte Julia und war froh, sich dazu umdrehen zu können. Besser analysieren, als weiter auf den nackten Gequälten zu blicken: „Freiwillig wird der sich kaum in den Sessel gesetzt haben.“ „Aber schau“, Niklas deutete in die andere Hälfte des Raumes, „dort auf dem Sofa, seine Kleidung hat er schön ordentlich zusammengelegt. Ich geh davon aus, dass das seine Sachen sind. Oder meinst du, unter den Tätern war eine ordentliche Hausfrau, die das für ihn erledigt hat?“ Er versuchte ein Grinsen. Julia freute sich beinahe über so eine Bemerkung. Niklas schien offenbar wieder zur Normalform zurückzufinden, was bei ihr ganz sicher noch dauern würde. Doch ihr kriminalistischer Verstand funktionierte immerhin schon wieder: „Von den Folterwerkzeugen ist nichts mehr zu sehen, alles wohl wieder fein säuberlich eingepackt und mitgenommen. Das heißt, Herbringen und wieder Wegschaffen wären doch ein Ansatzpunkt.“ „Ja, die Tiefgarage …“ murmelte Niklas.