Der Krimi ensteht

20130821 Kleiderstapel (von mir)Das 3. Kapitel (erster Teil)

Von hinten über der Sessellehne war nur ein massiger Kopf mit grauem, kurzgeschorenem Haar zu erkennen. Niklas schloss kurz die Augen und sog langsam die Luft mit der Nase ein. Hier in der Nähe des Sessels wurde der Geruch, der durch die ganze Wohnung kroch, intensiver, aber trotzdem nicht deutlicher. „Riechst du das auch, Julia?“ „“Ja, nur was ist das? Verwesung riecht anders, aber Blut ist schon dabei …“ „Ich finde, fast wie ein verbranntes Steak, oder?“ „Und Schei… also Fäkalien, mein‘ ich natürlich.“ Julia lachte kurz auf. Bemühte Fröhlichkeit, die nicht gelingen konnte. Also ein Toter, der sich vor Angst in die Hose gemacht hatte, die er längst nicht mehr an hatte?

Sie gingen jetzt Schritt für Schritt um den Sessel herum, Julia links, Niklas rechts. Den Sessel erkannte Niklas sofort: Charles Eames, weißes Leder, Kirschholz. Genau der, den er sich noch nicht leisten konnte. Hier allerdings in der Variante mit dunklem Blut auf weißem Leder.  Blut, das heruntergeströmt war auf das Parkett und zwischen den gespreizten, nackten Beinen des Mannes eine große Lache gebildet hatte. Die war am Rande verkrustet und geronnen, nur in der Mitte schien sie noch flüssig. Niklas rechnete: der Anruf des Unbekannten, die Kollegen, bis sie vor Ort waren, die Tür aufbrachen, das Opfer entdeckten, das Morddezernat anriefen, die hatten dann Julia informiert, Julia ihn, sie beide hierher. So viel Zeit konnte zwischen Tod und dem Anruf des Unbekannten gar nicht vergangen sein. Kein großer Vorsprung also, gut! Die Ärztin würde es ihnen später sicher genauer sagen können.

Niklas ließ seinen Blick nach oben wandern zwischen die Schenkel des Mannes, wo das Blut hergekommen sein musste, und sah nur noch einen zerfetzten herausgerissenen Hodensack dort baumeln. In Niklas‘ Mitte zog sich alles zusammen, er krümmte sich.  Instinktiv begann er, ruhig und tief durchzuatmen, so wie er es beim Fußballspielen immer getan hatte, wenn ihn ein Ball dort getroffen hatte. Puuh, langsam ging es wieder. Also suchte er den Boden mit seinen Blicken nach diesen zwei fehlenden kleinen rotgeäderten Bällen ab. Rund um die Blutlache war nichts zu entdecken, fast war er erleichtert. Oder hatte der Täter etwa … Niklas schob diesen Gedanken schnell wieder beiseite.

Julia war auf ihrer Seite im selben Moment zusammengezuckt. Der Kopf des Toten war nämlich nach links gesunken, und Julia sah in ein schiefes, hämisches Grinsen. Der völlig verrenkte Kiefer hatte die früher wahrscheinlich einmal sympathischen  Gesichtszüge zur Fratze werden lassen. Die blutunterlaufenen Augen waren nach oben verdreht und starrten an Julia vorbei an die Decke. Die Mundwinkel tief eingerissen, zwei oder drei Zähne abgebrochen, wie in dem weit aufgesperrten Loch zu erkennen war. Knebelspuren sahen eigentlich anders aus, dachte Julia. Sie blickte durch die großen Fenstern hinaus in die dunkle Nacht. Schwarzes Nichts, wie schön wäre das jetzt. Aber dieses Grinsen glotzte sie aus der Nacht heraus an und blieb bei ihr. Sie sah zu Niklas hinüber, der tief atmete. Ihm ging es wohl auch nicht besser. Ihre Blicke trafen sich: sie mussten da jetzt gemeinsam durch.

20130809 Messer nahZweites Kapitel (vierter und letzter Teil)

Auf dem Küchenblock ein Messer, blutig. Die übrigen im Messerblock, wohl unberührt. Ein Stuhl vom Tisch abgerückt, weggedreht, Blick nach hinten. Wer hatte da gesessen? Wohin hatte er geschaut? Er, sie? Auf jeden Fall nur ein Stuhl bewegt. Nur ein Täter?

Geradeaus die großzügige Sitzgruppe. Zwei Sofas, zwei Sessel um einen niedrigen Glastisch. Auf dem einen Sofa Kleidung, zusammengelegt auf einen Haufen, Hemd, Sakko, waren zu erkennen, obenauf die Socken, ordentlich, als hätte sich jemand im Schwimmbad umgezogen, dachte Julia. Nur dass sie hier niemanden in Badehose erwartete. Obwohl: dahinter die großen bodentiefen Glasfenster über die ganze Front, sie sah den Beginn der Terrassendielen im Licht, das nach draußen fiel, ein Geländer war nicht zu erkennen, viel Platz also, ein Pool wäre sogar denkbar.

Sie waren am Esstisch vorbei und konnten nun in den Wohnbereich sehen, der sich L-förmig nach links ausbreitete. Das Flackern kam von einem großen Fernseher an der Wand am Ende des Raums, auf dem stumm ein Kinderporno lief. Eigentlich kein Porno, sondern wenige Szenen nur, die sich ständig wiederholten. Mehrere Männer, mehrere Kinder, Jungen und Mädchen. Niklas verzog das Gesicht und wendete den Blick ab. Das wollte er jetzt nicht sehen. Später bei den Ermittlungen, das wusste er, würden sie die Sequenz wieder und wieder durchgehen müssen, um Personen zu erkennen, um Auffälligkeiten zu entdecken. Das Widerliche an seinem Beruf. Aber war das schon der Grund für die heftigen Reaktionen der Kollegen gewesen? Er wunderte sich.

Vor dem Fernseher in einigem Abstand zur Wand stand ein Sessel mit dem Rücken zu ihnen …

20130806 Türe_1Das zweite Kapitel (dritter Teil)

Julia deutete auf das aufgebrochene Türschloss. „War das schon so, als ihr kamt?“ „Nein, das waren wir. Keiner der Nachbarn hatte einen Schlüssel, die scheinen eh nicht viel Kontakt mit dem Toten gehabt zu haben. Die Hausverwaltung war nicht erreichbar, da haben wir aufgebrochen. Als wir kamen war die Tür noch unbeschädigt, sie war nur zugezogen.“ Julia nickte, der Klassiker: das Opfer hatte den Täter also freiwillig hereingelassen, möglicherweise sogar gekannt oder der Täter hatte einen Schlüssel. Sie wusste, dass sie Niklas mit solchen Banalitäten gar nicht kommen brauchte. Alles noch Routine. Was sich nun aber ändern sollte. Sie schoben die Tür ganz auf und traten ein.

Niklas hielt inne und schloss kurz die Augen. Er wusste, niemals würde er besser spüren, genauer registrieren können, was hier geschehen war, als in den ersten Minuten am Tatort. Niemals mehr würde er offener und unvoreingenommener die Dinge so sehen können, wie sie waren. Er atmete zwei Mal tief und ruhig und öffnete die Augen wieder. Er war erleichtert, dass Julia ruhig neben ihm stehengeblieben war. Nichts schlimmer als Kollegen, die ihre Anspannung in solchen Momente durch wilden Aktionismus und Gerede in den Griff zu bekommen versuchten. Wie ein altes Ehepaar bewegten sich die beiden nun im Gleichtakt in das Penthouse, mal gemeinsam zögernd, mal gemeinsam zügiger vorwärts schreitend. Erster Eindruck: kühler, moderner Stil, Eleganz, nicht zu dick aufgetragen, und doch teuer, Geld. Sie befanden sich noch im Eingangsbereich, vor ihnen schon zu sehen, großzügig offen, Küche und Essbereich. Küchenblock anthrazit, weißer Esstisch für acht Personen. Gab es hier auch mal größere Einladungen? Wer? Geschäftskollegen? Oder privat? Befreundete Paare? Wie war es mit Kindern, sah nicht danach aus, kein Spielzeug, keine kleine Garderobe. Ein schmaler Gang nach rechts, wahrscheinlich zu den Privaträumen? Sagte man so? Also vermutlich Bad, Schlafzimmer, vielleicht ein Ankleidezimmer, der begehbare Kleiderschrank, den solche Wohnungen unbedingt haben mussten, wenn man den Maklern glaubte. Aber dahin später, geradeaus lag ihr Ziel, das hatte ihnen der Kollege am Eingang noch mit der Hand gewiesen.

 

 

20130731 Fenster dunkelDas zweite Kapitel (zweiter Teil)

Im ersten und zweiten Stock jeweils nur zwei Wohnungstüren. Niklas überschlug kurz die Größe des Hauses, wie sie es von außen im Dunkeln erkennen konnten. „Das müssen ziemlich große Wohnungen sein.“ Noch ehe Julia antworten konnte, kam ihnen auf dem  Absatz zum dritten Stock ein junger Kollege entgegengestürmt, riss das große Fenster auf, und erbrach sich schwallweise hinunter. Sie hörten das Platschen auf dem gläsernen Vorbau der kleinen Eingangshalle. Wenigstens hatte es die Kollegen nicht erwischt. Niklas dachte an das üppige Mittagessen mit seinen Eltern, das sich bis in den Nachmittag erstreckt hatte. Er rechnete nach, es waren trotzdem schon fünf bis sechs Stunden vergangen, das musste reichen. Denn das durfte ihm auf keinen Fall passieren, schon gar nicht vor Julia. Sie ersparten dem jungen Kollegen, der gerade versuchte, die Flecken auf seiner Uniform zu säubern, weitere Peinlichkeiten und gingen die nächste Treppe nach oben. Das Penthouse war die einzige Tür im fünften Stock. Der ältere Kollege vor der Tür begrüßte sie: „Wenn’s euch nichts ausmacht, bleib ich lieber draußen, einmal reicht mir!“ Er war blass, aber immerhin konnte er noch die Stellung halten. Niklas fragte: „Ist sonst schon jemand da, Spurensicherung oder die Ärztin?“ „Nein, wir haben auf euch gewartet, was ihr anfordert .. es ist nicht ganz so einfach da drin.“

20130727 Parkhaus KurveDas zweite Kapitel (erster Teil)

Julia bog in die schmale Stichstraße ab, sah Niklas Wagen halb auf den Gehweg geparkt stehen, stellte ihren Kombi dahinter und stieg aus. Die wenigen Parkbuchten, die es hier gab, waren alle belegt. Sie sah sich um: ah, da ging es hinunter zur Tiefgarage, hätte sie sich auch denken können bei dieser Wohngegend. Vorne am Wendekreis standen zwei Streifenwagen, deren Blaulicht die kleinen Menschengrüppchen am Straßenrand in trägem Rhythmus erleuchtete. Sie erkannte Niklas an einem der Streifenwagen, offenbar schon im Gespräch mit den beiden Kollegen, und beeilte sich, zu ihm zu kommen. Er sah kurz zur Seite: „Hi, Julia!“, um dann die beiden Streifenpolizisten noch schnell abzukanzeln: „… und schaltet das blöde Licht aus, das zieht die Leute ja an wie die Fliegen.“

Auch nicht besser als bei mir am Telefon, dachte Julia. Doch da leuchteten Niklas Augen und er grinste sie an: „Na, da schauen wir uns das Ganze doch mal an, oder Julia?“ Der Kriminalist in Niklas gewann offenbar gerade die Oberhand. Schön. Es waren einige Meter zu gehen. Dabei erkannte Julia in der Dunkelheit eine kleine parkartige Anlage mit Beeten. Sie konnte nicht anders und musste sich kurz bücken, um den Rasen zu berühren. Ein dichter weicher Teppich. Hier gab sich also jemand sehr viel Mühe oder besser gesagt: man bezahlte ihn, sich sehr viel Mühe zu geben.

Vor dem großzügigen, völlig verglasten Eingangsbereich standen die nächsten beiden Kollegen. „Es ist oben im fünften Stock, das Penthouse. Aber es gibt einen Aufzug.“ „Danke. Wart ihr als erste hier gewesen, wegen des Anrufs?“ „Nein, das waren die beiden Kollegen oben.“ „Zum Glück“, ergänzte der andere. Niklas und Julia sahen sich an. Ok, weiter. Sie traten in den Eingangsbereich, wo nach wenigen Metern die Fliesen schon von einem Teppich abgelöst wurden. „Aufzug oder Treppe?“, fragte Niklas, sah auf ihre Sportschuhe und entschied selbst: „Treppe.“

20130628 SMS

 

 

Episoden von Julia Claasen und Niklas Malter (vierter Teil)

Niklas stand vor dem persischen Restaurant, das Julia ausgewählt hatte. Es waren noch gut zehn Minuten Zeit. Denn zum einen hatte er auf keinen Fall zu spät kommen wollen und zum anderen wollte er es genießen, wenn sie ausstieg, ankam … was auch immer, wollte sehen, wie sie sich gekleidet hatte, wie sie ihn anlächelte .. hoffentlich! .. und wie sie dann auf ihn zukam. Niklas nutzte die Zeit und schrieb schnell noch eine Nachricht auf seinem Handy: „Yes! Gehe heute Abend mit ihr aus. Dein Stick war wohl genau das Richtige. Du hast was gut bei mir, Matthes, Danke!“ „:-)) freut mich, aber mach langsam, weißt schon, was ich meine“, kam postwendend zurück. Niklas biss sich auf die Lippe. Ja, Matthes hatte Recht. Er musste aufpassen, unbedingt.

Doch fast hätte er seine guten Vorsätze gleich wieder vergessen. Denn da kam sie und stieg aus dem Taxi aus. Er hatte Julia noch nie in einem Kleid gesehen und erst recht nicht in diesem. Ihre Absätze waren gerade so hoch, dass sie ihre Beine perfekt zur Geltung kommen ließen, und doch noch weit davon entfernt, ordinär oder gar nuttig zu wirken. Und sie konnte sich in ihnen offenbar völlig entspannt und lässig bewegen. Sie schritt auf ihn zu, dezent geschminkt, das Haar offen … auch das hatte Niklas noch nicht allzu oft gesehen … und lächelte ihn tatsächlich an. Der Abend würde ihm also einiges abverlangen, aber Niklas war bereit, es diesmal mit seinem verfluchten Malter-Tier aufzunehmen, das schon wieder an ihm zerrte. Nein, jetzt nicht, vermassel mir das nicht!

Drei Stunden später verließen sie beide lachend und nah beieinander gehend das Lokal. Beim Türöffnen berührte Niklas Julia leicht am Arm und sie ließ sich die wenigen Meter so führen. Sie hatte das richtige Lokal gewählt. Nicht förmlich und steif, aber doch elegant, auf jeden Fall mit Stil. Die Bedienungen freundlich und immer zur Stelle und doch zurückhaltend. Das alles ganz ohne Alkohol. Und das persische Essen schmeckte ihr sowieso. Safran, Kurkuma, Anis, Limonen und viel Minze. Niklas hatte es auch geschmeckt, obwohl er einige dieser Gewürze bisher nur dem Namen nach gekannt hatte. Hatten einige davon nicht aphrodisierende Wirkung? Das musste er unbedingt nochmal googeln. Wenn ja, dann wäre das doch ein deutliches Signal, oder?

Ansonsten war das ein typisches Erste-Mal-Treffen. Erst Smalltalk, dann Berufliches, vor allem Berufliches, da hatte Niklas natürlich einiges erzählen können, aber auch Julia. Und viel Lachen, weil auch die  grausamen Fälle voll mit schrägen Typen und skurrilen Szenen waren. Lachen auch über andere, Kollegen, Staatsanwälte, Richter. Zu zweit über andere, erste verbindende Gemeinsamkeiten.

Julia stieg ins Taxi. Wie charmant er sein konnte! Er hatte es geschickt angestellt. Das hatte sie genau gespürt, aber egal. Wie lange war es her, dass sie sich so beachtet und hofiert gefühlt hatte? Bei Jo ganz am Anfang vielleicht, dem sie – genau genommen – diesen Abend sogar verdankte … „Ähmm“, der Taxifahrer räusperte sich. „Hallo, die Dame. Wo soll’s denn jetzt hingehen? Das müssten sie mir langsam schon sagen.“ Es klang eher amüsiert als genervt. Und Julia ließ sich nach Hause fahren.

Niklas hieß seinen Taxifahrer noch kurz warten, bis Julia weg war. Dann sank er in den Rücksitz und atmete tief durch. Es war gut gewesen, sehr gut sogar. Er war gut gewesen. Und er war sich sicher, es würde eine Fortsetzung geben. Geschafft, was wollte er mehr?! Hmm, naja, gab es da nicht noch was? Also war es wohl so weit, das Malter-Tier durfte endlich wieder raus. Er tippte auf eine der eingespeicherten Nummern in seinem Handy: „Niklas hier, guten Abend, du Schöne! Hättest du denn ein Stündchen Zeit für mich? Gut, dann bis gleich, Yvette.“ Und Niklas nannte dem Fahrer die Adresse.

20130619 StehtischeEpisoden von Julia Claasen und Niklas Malter (dritter Teil)

„Verdammt, das nervt. Wir kommen kein Stück weiter!“ Niklas versetzte seinem Wagen einen imaginären Fußtritt. „Gehen wir schnell was essen? Um die Ecke ist der Bosporus. Nur ein Imbiss, aber der hat auch gute Mittagsgerichte, nicht nur Döner.“ Julia nickte. Wenige Minuten später aßen sie schon an einem der Stehtische, jeder noch in seinen Gedanken. Ruhig hinsetzen passte für beide nicht zu einem Stand der Ermittlungen, wo Pausen nicht angebracht waren, wo es endlich weitergehen musste.

„Willst du zur Abwechslung mal was Positives hören?“, beendete Julia das Schweigen. „Ja, wär nicht schlecht.“ „Der Scheißkerl hat sich wieder gemeldet.“ „Ah“, Niklas Augen blitzten, „und?“ „Er war nicht sehr gesprächig, es war eine sehr kurze Mail, genau genommen waren es nur drei Wörter.“ Julia lachte hell auf. „Du miese Schnüfflerin.“  Niklas nickte bedächtig. „Sehr gut.“

„Also ein guter Grund, dass ich dich heute einlade.“ sagte Julia und wollte zum Tresen gehen. „Nein“, Niklas legte ihr die Hand auf den Arm, „so leicht kommst du mir nicht davon.“ Sie sah das erste Mal seine Hand bewusst an. Eine schlanke Hand, lange Finger, sorgfältig gepflegte Nägel und kein Ring. „Heute zahle ich, und du lädst mich irgendwann richtig ein, dem kleinen Stick und seinem nützlichen Inhalt angemessen.“ Julia lächelte. „Ok, einverstanden, angemessen.“ Und sie war selbst überrascht, dass sie sogar schon eine Idee hatte.

stickEpisoden von Julia Claasen und Niklas Malter (zweiter Teil)

Jetzt saßen sie schon zwei Stunden hier im Dunkeln in Julias Kombi und hatten den Eingang des Mietshauses im Blick. Oben im sechsten Stock links brannte immer noch Licht. Ab und zu ließ sich ein Schatten erahnen, der sich von einem Raum in den anderen bewegte, aber offenbar immer noch keine Anstalten machte, seine Wohnung zu verlassen und endlich das zu tun, wovon Julia und Niklas immer noch überzeugt waren, dass er es heute tun würde.

„Hast du denn von dem Scheißkerl noch was gehört?“ fragte Niklas in die Stille, während er weiter geradeaus blickte. Julia drehte sich abrupt nach rechts und sah ihn von der Seite an. War das etwa ein Grinsen in seinen Mundwinkeln? „Nein, nichts mehr. Wahrscheinlich hatte er gehofft, ich würde reagieren auf seine Mail. Aber den Gefallen hab ich ihm nicht getan! Jetzt warte ich einfach ab, was passiert.“

Niklas kramte in seiner Hosentasche, zog einen USB-Stick heraus und reichte ihn Julia hinüber. „Vielleicht solltest du nicht nur abwarten, sondern ihm eine der Dateien schicken, die hier drauf sind.“ Jetzt grinste Niklas tatsächlich. „Ich hab‘ mal ein bisschen rumhören lassen. Schließlich gibt’s den Namen nicht ganz so häufig. Und ich denke nicht, dass er noch groß was über deine Mutter veröffentlichen wird, wenn er weiß, dass du das hier in der Hand hast.“ Er deutete auf den Stick, den Julia zwischen den Fingerspitzen hielt, als ob es etwas Schmutziges wäre. Wahrscheinlich war es das auch, dachte sie. „Eine einzige Datei hätte wohl schon gereicht“, schob Niklas nach, „aber: sicher ist sicher:“

„Danke!“, jetzt grinste Julia auch. Na, wenn das so ist .. komischerweise fühlte sie keinerlei Skrupel. „Ich denke, der Scheißkerl wird es so schnell wie möglich bekommen.“, und fast hätte sie sich hinübergebeugt und Niklas umarmt. Aber das ging natürlich nicht.

Zwischen Julia Claasen und Niklas Malter fliegen während der Ermittlungen häufig die Fetzen. Gleichzeitig kommen sie sich aber doch näher. So die Vorgabe. Dieser Handlungsstrang verläuft parallel zur Ermittlung und erstreckt sich über mehrere Kapitel. Einige Episoden dazu sind bereits entstanden, hier die erste:

Episoden von Julia Claasen und Niklas Malter (erster Teil)

Es wurde wieder spät heute. Julia Claasen und Niklas Malter saßen sich an ihren Schreibtischen gegenüber. Die langweiligen Routinearbeiten, unspektakulär. Niklas sortierte Unterlagen in den Akten und sah die Aufzeichnungen und ersten Verhörprotokolle durch. Schließlich wusste man nie, welche Dokumente später in einem Verfahren relevant werden könnten. Er hatte die Beine hochgelegt, mit den italienischen Schuhen auf dem grauen Standard-Bürocontainer. Ab und zu nippte er an der Tasse mit grünem Tee.

Julia starrte auf den Bildschirm und recherchierte all die Personen, von denen sie bisher Namen erfahren hatten. Nicht immer einfach. Namensänderungen bei Heirat, Umzüge, Auslandsaufenthalte, trotzdem so viel wie möglich von den Lebenslinien aufspüren, vielleicht gab es ja eine Verbindung. Das war kein genialer Internet-Hack, sondern stupides Sichten von Melderegistern, Verknüpfungen von Steuernummern, Bankverbindungen und Geldflüssen, schließlich mussten ja alle von irgendetwas leben. Mühsames Handwerk also, das im Fernsehkrimi allenfalls den immer weiblich besetzten Nebenrollen zufiel.

Bei solchen Arbeiten überkam Julia regelmäßig ein Heißhunger auf Schokolade. In der Schublade lag noch eine Tafel, das wusste sie. Nur würde sie Niklas etwas anbieten müssen, wenn sie sie jetzt herausholte. Das dezente Pling-Pling ihres Handy unterbrach sie. Mail. Sie wischte über den Schirm und sah den Absender: Jo. Betreff: „Werde die Story doch bringen“. Würde der nie aufhören? Vor zwei Monaten hatte sie ihn vor die Tür gesetzt und trotz seiner Enttäuschung hatte er ihr damals noch versprochen, die Sache endlich sein zu lassen. Und sie hatte ihm geglaubt. Hatte gedacht, dass er verstanden hätte, wie sehr er sie damit verletzen würde. Das zählte wohl jetzt alles schon nicht mehr. Julia überflog die wenigen Zeilen. „Dieser Scheißkerl“, entfuhr es ihr.

Niklas sah kurz auf von seinen Papieren und zu ihr herüber. Ein Stirnrunzeln, dann las er weiter. Na prima, was hatte sie sich auch anderes erwartet von ihrem tollen Kollegen? Die vielen Daten auf dem Bildschirm verschwammen vor ihren Augen. Recherche. Klar, damit konnte man vieles herausfinden, wenn man nur lange genug suchte. Selbst als kleiner mieser herumschnüffelnder Journalist, dem auch nach Jahren noch die große Story für den Durchbruch fehlte. Nur warum musste das gerade ihre Mutter sein? Und warum wurde sie das Gefühl nicht los, dass Jo es schon lange darauf angelegt hatte, vielleicht sogar von Anfang an? Julia zog die Schublade auf, riss die Verpackung von der Schokolade und begann, Rippe für Rippe in sich hineinzustopfen.

„Was ist denn jetzt mit diesem Scheißkerl?“, Niklas hatte seine Papiere beiseite gelegt und sah sie an. Vor lauter Überraschung begann Julia einfach zu erzählen. Von Jo, dem Scheißkerl, ihrem Ex-Freund, der als Journalist hinter einer Story von ehemaligen RAF-Sympathisanten her war, von denen es auch eine Verbindung zu ihrer Mutter geben sollte, obwohl ihre Mutter ihr gegenüber das immer noch abstritt. Und von der Mail, in der Jo triumphierend ankündigte, jetzt endlich eine Redaktion gefunden zu haben, die die ganze Story bringen würde, und dass sich alles mit ihrer Mutter inzwischen ganz eindeutig verhielte. Stille. Julia fühlte sich erleichtert und die Schokolade war auch weg. Ohne dass sie Niklas davon abgeben musste. Fast hätte Julia sogar geschmunzelt. „Wirklich ein Scheißkerl“, sagte Niklas unvermittelt. „Aber hat so ein Scheißkerl denn noch einen anderen Namen als Jo?“ „Johannes Meybrugg mit e-y und Doppel-g am Ende“, antwortete Julia und wunderte sich, dass Niklas diesen Namen offenbar auf einen Zettel notierte und den in seine Sakkotasche steckte. „Ich denke, für heute reicht es. Gehen wir.“

20130512 Turnschuhe2Das 1. Kapitel (vierter und letzter Teil)

Also hieß es auch jetzt wieder dagegenhalten, beschloss Julia, kurz und knapp: „Eine Leiche eben, <.aus der Phase Verbrechen>, klang nicht gut, was sie mir gesagt haben, <….>„. „Wo ist es?“ „<…>, soll ich dich abholen, sag mir einfach, wo ich dich aufsammeln soll?“ „Nein, nicht nötig, wir treffen uns dort!“ Oh, oh, da will ja einer wohl wieder maximalen Abstand haben, dachte sich Julia. Meinetwegen, soll er doch.

Sie zog sich die Jacke über – schließlich wurde es nachts doch noch empfindlich kühl – und schlüpfte in ihre Sportschuhe. Abendliche Eleganz war bei diesem Fundort sicher nicht angebracht.

Als sie hinten um ihren Kombi herumgeht, fällt ihr Blick auf den Fallschirm und die Ausrüstung im Kofferraum. Sie bleibt neben der Fahrertür stehen, hält ihr Gesicht in den Abendwind und schließt kurz die Augen. Der Sprung vom Nachmittag spult an ihr vorbei, der Moment, wo der Kontakt zum Flugzeug verloren geht, kein Zurück mehr, der Sturz auf diese winzige Welt zu, das elegante Gleiten, mit der kleinsten Körperbewegung steuerbar, und dann der Schirm, ein großer schützender Schatten über ihr, der sie auffängt nach diesem Rausch, Geborgenheit, Routinelandung und sofort die Sehnsucht: nochmal, immer wieder! Was gibt es Schöneres … und was braucht sie noch Männer, paah!

Julia Claasen steigt ins Auto, startet und stellt überrascht fest: trotz Niklas Malter freut sie sich auf den neuen Fall.