20130821 Kleiderstapel (von mir)Das 3. Kapitel (erster Teil)

Von hinten über der Sessellehne war nur ein massiger Kopf mit grauem, kurzgeschorenem Haar zu erkennen. Niklas schloss kurz die Augen und sog langsam die Luft mit der Nase ein. Hier in der Nähe des Sessels wurde der Geruch, der durch die ganze Wohnung kroch, intensiver, aber trotzdem nicht deutlicher. „Riechst du das auch, Julia?“ „“Ja, nur was ist das? Verwesung riecht anders, aber Blut ist schon dabei …“ „Ich finde, fast wie ein verbranntes Steak, oder?“ „Und Schei… also Fäkalien, mein‘ ich natürlich.“ Julia lachte kurz auf. Bemühte Fröhlichkeit, die nicht gelingen konnte. Also ein Toter, der sich vor Angst in die Hose gemacht hatte, die er längst nicht mehr an hatte?

Sie gingen jetzt Schritt für Schritt um den Sessel herum, Julia links, Niklas rechts. Den Sessel erkannte Niklas sofort: Charles Eames, weißes Leder, Kirschholz. Genau der, den er sich noch nicht leisten konnte. Hier allerdings in der Variante mit dunklem Blut auf weißem Leder.  Blut, das heruntergeströmt war auf das Parkett und zwischen den gespreizten, nackten Beinen des Mannes eine große Lache gebildet hatte. Die war am Rande verkrustet und geronnen, nur in der Mitte schien sie noch flüssig. Niklas rechnete: der Anruf des Unbekannten, die Kollegen, bis sie vor Ort waren, die Tür aufbrachen, das Opfer entdeckten, das Morddezernat anriefen, die hatten dann Julia informiert, Julia ihn, sie beide hierher. So viel Zeit konnte zwischen Tod und dem Anruf des Unbekannten gar nicht vergangen sein. Kein großer Vorsprung also, gut! Die Ärztin würde es ihnen später sicher genauer sagen können.

Niklas ließ seinen Blick nach oben wandern zwischen die Schenkel des Mannes, wo das Blut hergekommen sein musste, und sah nur noch einen zerfetzten herausgerissenen Hodensack dort baumeln. In Niklas‘ Mitte zog sich alles zusammen, er krümmte sich.  Instinktiv begann er, ruhig und tief durchzuatmen, so wie er es beim Fußballspielen immer getan hatte, wenn ihn ein Ball dort getroffen hatte. Puuh, langsam ging es wieder. Also suchte er den Boden mit seinen Blicken nach diesen zwei fehlenden kleinen rotgeäderten Bällen ab. Rund um die Blutlache war nichts zu entdecken, fast war er erleichtert. Oder hatte der Täter etwa … Niklas schob diesen Gedanken schnell wieder beiseite.

Julia war auf ihrer Seite im selben Moment zusammengezuckt. Der Kopf des Toten war nämlich nach links gesunken, und Julia sah in ein schiefes, hämisches Grinsen. Der völlig verrenkte Kiefer hatte die früher wahrscheinlich einmal sympathischen  Gesichtszüge zur Fratze werden lassen. Die blutunterlaufenen Augen waren nach oben verdreht und starrten an Julia vorbei an die Decke. Die Mundwinkel tief eingerissen, zwei oder drei Zähne abgebrochen, wie in dem weit aufgesperrten Loch zu erkennen war. Knebelspuren sahen eigentlich anders aus, dachte Julia. Sie blickte durch die großen Fenstern hinaus in die dunkle Nacht. Schwarzes Nichts, wie schön wäre das jetzt. Aber dieses Grinsen glotzte sie aus der Nacht heraus an und blieb bei ihr. Sie sah zu Niklas hinüber, der tief atmete. Ihm ging es wohl auch nicht besser. Ihre Blicke trafen sich: sie mussten da jetzt gemeinsam durch.