20130822 Zähne (Ausschnitt)Das 3. Kapitel (zweiter Teil)

Der Mann schien auch im Sessel noch groß und kräftig. Nackte Arme auf den Lehnen, mit schwarzem Klebeband fixiert. Wer hatte ihn so ohne weiteres fesseln können? Und wer hatte ihn derartig zugerichtet? Niklas‘ und Julias Blicke wanderten tiefer. Die behaarte Brust des Mannes zeigte bis auf einige Kratzer keine Spuren, alles unversehrt. Was man von der Bauchdecke nicht sagen konnte. Dort klaffte ein tiefes Loch, etwa vom Durchmesser eines Trinkglases, die Ränder aufgerissen und auch die Innereien zerfetzt und teilweise herausgezogen. Im Loch schwamm eine Mischung aus Blut und Darminhalt, was den Geruch erklärte. „Da war doch ein Messer in der Küche“, Niklas sah Julia fragend an, „das passt doch nicht zusammen. Da ist kein einziger Schnitt, überall nur Abgerissenes, Aufgerissenes, Herausgerissenes. Ich verstehe das alles nicht!“ Julia nickte und dann brach es aus ihr heraus: „Paah, wie grausam! Bei lebendigem Leib den Bauch ausgehöhlt, das waren doch Schmerzen ohne Ende. Der muss doch geschrieen haben, wie wild getobt oder zumindest getrampelt … bis er dann hoffentlich so schnell wie möglich ohnmächtig geworden ist.“

„So eine perverse und extrem brutale Folterung!“, Niklas‘ Stimme zitterte. Er drehte sich zur Wand und stierte auf die modernen Grafiken, die akkurat an den Wänden hingen. Hatte sich der Mann das gedacht, als er die Bilder aufhing. Dass es die letzten sein würden, die er in seinem Leben sah? Tröstlich fand Niklas diese kühlen Bilder jedenfalls nicht. Er ließ seinen Blick wieder kurz über den Gefolterten gleiten: „Das ist doch ein kräftiger Typ. Wie alt mag der sein, vielleicht fünfzig. So einer wehrt sich doch. So einen bindet man doch nicht so schnell mal eben an einem Sessel fest.“ Er notierte sich „Wie wurde Opfer gefügig gemacht?“ in das kleine schwarze Notizbuch, das er bei seinen Ermittlungen immer dabei hatte. „Aber nach einem Kampf sähe das hier anders aus“, überlegte Julia und war froh, sich dazu umdrehen zu können. Besser analysieren, als weiter auf den nackten Gequälten zu blicken: „Freiwillig wird der sich kaum in den Sessel gesetzt haben.“ „Aber schau“, Niklas deutete in die andere Hälfte des Raumes, „dort auf dem Sofa, seine Kleidung hat er schön ordentlich zusammengelegt. Ich geh davon aus, dass das seine Sachen sind. Oder meinst du, unter den Tätern war eine ordentliche Hausfrau, die das für ihn erledigt hat?“ Er versuchte ein Grinsen. Julia freute sich beinahe über so eine Bemerkung. Niklas schien offenbar wieder zur Normalform zurückzufinden, was bei ihr ganz sicher noch dauern würde. Doch ihr kriminalistischer Verstand funktionierte immerhin schon wieder: „Von den Folterwerkzeugen ist nichts mehr zu sehen, alles wohl wieder fein säuberlich eingepackt und mitgenommen. Das heißt, Herbringen und wieder Wegschaffen wären doch ein Ansatzpunkt.“ „Ja, die Tiefgarage …“ murmelte Niklas.