20130809 Messer nah2. Kapitel

Julia bog in die schmale Stichstraße ab, sah Niklas Wagen halb auf den Gehweg geparkt stehen, stellte ihren Kombi dahinter und stieg aus. Die wenigen Parkbuchten, die es hier gab, waren alle belegt. Sie sah sich um: ah, da ging es hinunter zur Tiefgarage, hätte sie sich auch denken können bei dieser Wohngegend. Vorne am Wendekreis standen zwei Streifenwagen, deren Blaulicht die kleinen Menschengrüppchen am Straßenrand in trägem Rhythmus erleuchtete. Sie erkannte Niklas an einem der Streifenwagen, offenbar schon im Gespräch mit den beiden Kollegen, und beeilte sich, zu ihm zu kommen. Er sah kurz zur Seite: „Hi, Julia!“, um dann die beiden Streifenpolizisten noch schnell abzukanzeln: „… und schaltet das blöde Licht aus, das zieht die Leute ja an wie die Fliegen.“

Auch nicht besser als bei mir am Telefon, dachte Julia. Doch da leuchteten Niklas Augen und er grinste sie an: „Na, da schauen wir uns das Ganze doch mal an, oder Julia?“ Der Kriminalist in Niklas gewann offenbar gerade die Oberhand. Schön. Es waren einige Meter zu gehen. Dabei erkannte Julia in der Dunkelheit eine kleine parkartige Anlage mit Beeten. Sie konnte nicht anders und musste sich kurz bücken, um den Rasen zu berühren. Ein dichter weicher Teppich. Hier gab sich also jemand sehr viel Mühe oder besser gesagt: man bezahlte ihn, sich sehr viel Mühe zu geben.

Vor dem großzügigen, völlig verglasten Eingangsbereich standen die nächsten beiden Kollegen. „Es ist oben im fünften Stock, das Penthouse. Aber es gibt einen Aufzug.“ „Danke. Wart ihr als erste hier gewesen, wegen des Anrufs?“ „Nein, das waren die beiden Kollegen oben.“ „Zum Glück“, ergänzte der andere. Niklas und Julia sahen sich an. Ok, weiter. Sie traten in den Eingangsbereich, wo nach wenigen Metern die Fliesen schon von einem Teppich abgelöst wurden. „Aufzug oder Treppe?“, fragte Niklas, sah auf ihre Sportschuhe und entschied selbst: „Treppe.“

Im ersten und zweiten Stock jeweils nur zwei Wohnungstüren. Niklas überschlug kurz die Größe des Hauses, wie sie es von außen im Dunkeln erkennen konnten. „Das müssen ziemlich große Wohnungen sein.“ Noch ehe Julia antworten konnte, kam ihnen auf dem  Absatz zum dritten Stock ein junger Kollege entgegengestürmt, riss das große Fenster auf, und erbrach sich schwallweise hinunter. Sie hörten das Platschen auf dem gläsernen Vorbau der kleinen Eingangshalle. Wenigstens hatte es die Kollegen nicht erwischt. Niklas dachte an das üppige Mittagessen mit seinen Eltern, das sich bis in den Nachmittag erstreckt hatte. Er rechnete nach, es waren trotzdem schon fünf bis sechs Stunden vergangen, das musste reichen. Denn das durfte ihm auf keinen Fall passieren, schon gar nicht vor Julia. Sie ersparten dem jungen Kollegen, der gerade versuchte, die Flecken auf seiner Uniform zu säubern, weitere Peinlichkeiten und  gingen die nächste Treppe nach oben.

Das Penthouse war die einzige Tür im fünften Stock. Der ältere Kollege vor der Tür begrüßte sie: „Wenn’s euch nichts ausmacht, bleib ich lieber draußen, einmal reicht mir!“ Er war blass, aber immerhin konnte er noch die Stellung halten. Niklas fragte: „Ist sonst schon jemand da, Spurensicherung oder die Ärztin?“ „Nein, wir haben auf euch gewartet, was ihr anfordert .. es ist nicht ganz so einfach da drin.“

Julia deutete auf das aufgebrochene Türschloss. „War das schon so, als ihr kamt?“ „Nein, das waren wir. Keiner der Nachbarn hatte einen Schlüssel, die scheinen eh nicht viel Kontakt mit dem Toten gehabt zu haben. Die Hausverwaltung war nicht erreichbar, da haben wir aufgebrochen. Als wir kamen war die Tür noch unbeschädigt, sie war nur zugezogen.“ Julia nickte, der Klassiker: das Opfer hatte den Täter also freiwillig hereingelassen, möglicherweise sogar gekannt oder der Täter hatte einen Schlüssel. Sie wusste, dass sie Niklas mit solchen Banalitäten gar nicht kommen brauchte. Alles noch Routine. Was sich nun aber ändern sollte. Sie schoben die Tür ganz auf und traten ein.

Niklas hielt inne und schloss kurz die Augen. Er wusste, niemals würde er besser spüren, genauer registrieren können, was hier geschehen war, als in den ersten Minuten am Tatort. Niemals mehr würde er offener und unvoreingenommener die Dinge so sehen können, wie sie waren. Er atmete zwei Mal tief und ruhig und öffnete die Augen wieder. Er war erleichtert, dass Julia ruhig neben ihm stehengeblieben war. Nichts schlimmer als Kollegen, die ihre Anspannung in solchen Momente durch wilden Aktionismus und Gerede in den Griff zu bekommen versuchten. Wie ein altes Ehepaar bewegten sich die beiden nun im Gleichtakt in das Penthouse, mal gemeinsam zögernd, mal gemeinsam zügiger vorwärts schreitend. Erster Eindruck: kühler, moderner Stil, Eleganz, nicht zu dick aufgetragen, und doch teuer, Geld. Sie befanden sich noch im Eingangsbereich, vor ihnen schon zu sehen, großzügig offen, Küche und Essbereich. Küchenblock anthrazit, weißer Esstisch für acht Personen. Gab es hier auch mal größere Einladungen? Wer? Geschäftskollegen? Oder privat? Befreundete Paare? Wie war es mit Kindern, sah nicht danach aus, kein Spielzeug, keine kleine Garderobe. Ein schmaler Gang nach rechts, wahrscheinlich zu den Privaträumen? Sagte man so? Also vermutlich Bad, Schlafzimmer, vielleicht ein Ankleidezimmer, der begehbare Kleiderschrank, den solche Wohnungen unbedingt haben mussten, wenn man den Maklern glaubte. Aber dahin später, geradeaus lag ihr Ziel, das hatte ihnen der Kollege am Eingang noch mit der Hand gewiesen.

Auf dem Küchenblock ein Messer, blutig. Die übrigen im Messerblock, wohl unberührt. Ein Stuhl vom Tisch abgerückt, weggedreht, Blick nach hinten. Wer hatte da gesessen? Wohin hatte er geschaut?  Er, sie? Auf jeden Fall nur ein Stuhl bewegt. Nur ein Täter?

Geradeaus die großzügige Sitzgruppe. Zwei Sofas, zwei Sessel um einen niedrigen Glastisch. Auf dem einen Sofa Kleidung, zusammengelegt auf einen Haufen, Hemd, Sakko, waren zu erkennen, obenauf die Socken, ordentlich, als hätte sich jemand im Schwimmbad umgezogen, dachte Julia. Nur dass sie hier niemanden in Badehose erwartete. Obwohl: dahinter die großen bodentiefen Glasfenster über die ganze Front, sie sah den Beginn der Terrassendielen im Licht, das nach draußen fiel, ein Geländer war nicht zu erkennen, viel Platz also, ein Pool wäre sogar denkbar.

Sie waren am Esstisch vorbei und konnten nun  in den Wohnbereich sehen, der sich L-förmig nach links ausbreitete. Das Flackern kam von einem großen Fernseher an der Wand am Ende des Raums, auf dem stumm ein Kinderporno lief. Eigentlich kein Porno, sondern wenige Szenen nur, die sich ständig wiederholten. Mehrere Männer, mehrere Kinder, Jungen und Mädchen. Niklas verzog das Gesicht und wendete den Blick ab. Das wollte er jetzt nicht sehen. Später bei den Ermittlungen, das wusste er, würden sie die Sequenz wieder und wieder durchgehen müssen, um Personen zu erkennen, um Auffälligkeiten zu entdecken. Das Widerliche an seinem Beruf. Aber war das schon der Grund für die heftigen Reaktionen der Kollegen gewesen? Er wunderte sich.

Vor dem Fernseher in einigem Abstand zur Wand stand ein Sessel mit dem Rücken zu ihnen …