20130822 Zähne (Ausschnitt)3. Kapitel

Von hinten über der Sessellehne war nur ein massiger Kopf mit grauem, kurzgeschorenem Haar zu erkennen. Niklas schloss kurz die Augen und sog langsam die Luft mit der Nase ein. Hier in der Nähe des Sessels wurde der Geruch, der durch die ganze Wohnung kroch, intensiver, aber trotzdem nicht deutlicher. „Riechst du das auch, Julia?“ „“Ja, nur was ist das? Verwesung riecht anders, aber Blut ist schon dabei …“ „Ich finde, fast wie ein verbranntes Steak, oder?“ „Und Schei… also Fäkalien, mein‘ ich natürlich.“ Julia lachte kurz auf. Bemühte Fröhlichkeit, die nicht gelingen konnte. Also ein Toter, der sich vor Angst in die Hose gemacht hatte, die er längst nicht mehr an hatte?

Sie gingen jetzt Schritt für Schritt um den Sessel herum, Julia links, Niklas rechts. Den Sessel erkannte Niklas sofort: Charles Eames, weißes Leder, Kirschholz. Genau der, den er sich noch nicht leisten konnte. Hier allerdings in der Variante mit dunklem Blut auf weißem Leder.  Blut, das heruntergeströmt war auf das Parkett und zwischen den gespreizten, nackten Beinen des Mannes eine große Lache gebildet hatte. Die war am Rande verkrustet und geronnen, nur in der Mitte schien sie noch flüssig. Niklas rechnete: der Anruf des Unbekannten, die Kollegen, bis sie vor Ort waren, die Tür aufbrachen, das Opfer entdeckten, das Morddezernat anriefen, die hatten dann Julia informiert, Julia ihn, sie beide hierher. So viel Zeit konnte zwischen Tod und dem Anruf des Unbekannten gar nicht vergangen sein. Kein großer Vorsprung also, gut! Die Ärztin würde es ihnen später sicher genauer sagen können.

Niklas ließ seinen Blick nach oben wandern zwischen die Schenkel des Mannes, wo das Blut hergekommen sein musste, und sah nur noch einen zerfetzten herausgerissenen Hodensack dort baumeln. In Niklas‘ Mitte zog sich alles zusammen, er krümmte sich.  Instinktiv begann er, ruhig und tief durchzuatmen, so wie er es beim Fußballspielen immer getan hatte, wenn ihn ein Ball dort getroffen hatte. Puuh, langsam ging es wieder. Also suchte er den Boden mit seinen Blicken nach diesen zwei fehlenden kleinen rotgeäderten Bällen ab. Rund um die Blutlache war nichts zu entdecken, fast war er erleichtert. Oder hatte der Täter etwa … Niklas schob diesen Gedanken schnell wieder beiseite.

Julia war auf ihrer Seite im selben Moment zusammengezuckt. Der Kopf des Toten war nämlich nach links gesunken, und Julia sah in ein schiefes, hämisches Grinsen. Der völlig verrenkte Kiefer hatte die früher wahrscheinlich einmal sympathischen  Gesichtszüge zur Fratze werden lassen. Die blutunterlaufenen Augen waren nach oben verdreht und starrten an Julia vorbei an die Decke. Die Mundwinkel tief eingerissen, zwei oder drei Zähne abgebrochen, wie in dem weit aufgesperrten Loch zu erkennen war. Knebelspuren sahen eigentlich anders aus, dachte Julia. Sie blickte durch die großen Fenstern hinaus in die dunkle Nacht. Schwarzes Nichts, wie schön wäre das jetzt. Aber dieses Grinsen glotzte sie aus der Nacht heraus an und blieb bei ihr. Sie sah zu Niklas hinüber, der tief atmete. Ihm ging es wohl auch nicht besser. Ihre Blicke trafen sich: sie mussten da jetzt gemeinsam durch.

Der Mann schien auch im Sessel noch groß und kräftig. Nackte Arme auf den Lehnen, mit schwarzem Klebeband fixiert. Wer hatte ihn so ohne weiteres fesseln können? Und wer hatte ihn derartig zugerichtet? Niklas‘ und Julias Blicke wanderten tiefer. Die behaarte Brust des Mannes zeigte bis auf einige Kratzer keine Spuren, alles unversehrt. Was man von der Bauchdecke nicht sagen konnte. Dort klaffte ein tiefes Loch, etwa vom Durchmesser eines Trinkglases, die Ränder aufgerissen und auch die Innereien zerfetzt und teilweise herausgezogen. Im Loch schwamm eine Mischung aus Blut und Darminhalt, was den Geruch erklärte. „Da war doch ein Messer in der Küche“, Niklas sah Julia fragend an, „das passt doch nicht zusammen. Da ist kein einziger Schnitt, überall nur Abgerissenes, Aufgerissenes, Herausgerissenes. Ich verstehe das alles nicht!“ Julia nickte und dann brach es aus ihr heraus: „Paah, wie grausam! Bei lebendigem Leib den Bauch ausgehöhlt, das waren doch Schmerzen ohne Ende. Der muss doch geschrieen haben, wie wild getobt oder zumindest getrampelt … bis er dann hoffentlich so schnell wie möglich ohnmächtig geworden ist.“

„So eine perverse und extrem brutale Folterung!“, Niklas‘ Stimme zitterte. Er drehte sich zur Wand und stierte auf die modernen Grafiken, die akkurat an den Wänden hingen. Hatte sich der Mann das gedacht, als er die Bilder aufhing. Dass es die letzten sein würden, die er in seinem Leben sah? Tröstlich fand Niklas diese kühlen Bilder jedenfalls nicht. Er ließ seinen Blick wieder kurz über den Gefolterten gleiten: „Das ist doch ein kräftiger Typ. Wie alt mag der sein, vielleicht fünfzig. So einer wehrt sich doch. So einen bindet man doch nicht so schnell mal eben an einem Sessel fest.“ Er notierte sich „Wie wurde Opfer gefügig gemacht?“ in das kleine schwarze Notizbuch, das er bei seinen Ermittlungen immer dabei hatte. „Aber nach einem Kampf sähe das hier anders aus“, überlegte Julia und war froh, sich dazu umdrehen zu können. Besser analysieren, als weiter auf den nackten Gequälten zu blicken: „Freiwillig wird der sich kaum in den Sessel gesetzt haben.“ „Aber schau“, Niklas deutete in die andere Hälfte des Raumes, „dort auf dem Sofa, seine Kleidung hat er schön ordentlich zusammengelegt. Ich geh davon aus, dass das seine Sachen sind. Oder meinst du, unter den Tätern war eine ordentliche Hausfrau, die das für ihn erledigt hat?“ Er versuchte ein Grinsen. Julia freute sich beinahe über so eine Bemerkung. Niklas schien offenbar wieder zur Normalform zurückzufinden, was bei ihr ganz sicher noch dauern würde. Doch ihr kriminalistischer Verstand funktionierte immerhin schon wieder: „Von den Folterwerkzeugen ist nichts mehr zu sehen, alles wohl wieder fein säuberlich eingepackt und mitgenommen. Das heißt, Herbringen und wieder Wegschaffen wären doch ein Ansatzpunkt.“ „Ja, die Tiefgarage …“ murmelte Niklas.

Dabei hätten die beiden das Brandmal auf dem linken Unterarm des Opfers fast übersehen. Daher also der Geruch nach verbranntem Fleisch. Knapp oberhalb des Klebebandes waren mehrere Linien, nicht gerade sehr kunstvoll eingebrannt, aber auch nicht zufällig, sondern eindeutig ein Symbol. Nur wofür? „Ist das asiatisch, Niklas? Das, was ich an Kalligraphie kenne, sieht irgendwie anders aus.“ „Für mich sind das eher Runen oder so etwas Ähnliches.“ Julia schüttelte den Kopf: „Dann müssen die auch was dabei gehabt haben, um so ein Brandzeichen zu machen. Nimmt man da einen Lötkolben? Auf jeden Fall war das alles ganz genau geplant, die haben nichts dem Zufall überlassen.“ „Hat ja auch alles wunderbar funktioniert“, Niklas wurde sarkastisch, „und du meinst auch, es waren mehrere …?

Doch Julia war schon dabei, sich Notizen zu machen. Ihre Daumen huschten über ihr Smartphone. Dann fotografierte sie das Brandzeichen. Sie war sehr blass, fiel Niklas auf. „Ich habe genug davon, könntest du den Rest übernehmen, Niklas, ist das ok?“ Der nickte. Sie atmete auf: „Ich fahr ins Büro und fang mit dem Zeichen an, das ist wenigstens was Konkretes und es wird einem nicht gleich schlecht beim Betrachten. Schlafen geht nach dem Ganzen hier sowieso nicht.“ Sie schloss kurz die Augen: es war noch da, dieses Grinsen. „Vielen Dank, Niklas!“, und weg war sie. Niklas sah ihr nach. Hoffentlich macht sie nicht auch noch am Fenster im Treppenhaus einen Zwischenhalt, dachte er und kauerte sich vorsichtig in einer Ecke auf den Boden, um keine Spuren zu verwischen. Er sah auf die Uhr: 23.05 Uhr. Nachbarn befragen war um diese Zeit sinnlos. Die Kollegen auf der Straße unten könnten allerdings bei den Schaulustigen recherchieren, das würde er ihnen gleich sagen. Aber erfahrungsgemäß brachte das nicht viel. Die Spurensicherung musste jedoch sofort anrücken, sonst verloren sie zu viel Zeit. Der Anruf war schnell erledigt. Und die Gerichtsmedizinerin. Bei so einem Tatort musste sie natürlich vor Ort kommen und das auch möglichst schnell.

Hoffentlich würde die Ärztin seinen Anruf um diese Zeit nicht missverstehen. Schließlich war es nicht gerade dienstlich gewesen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. „Don’t fuck your office!“ Niklas hatte seine eiserne Regel gebrochen und es in derselben Nacht noch bereut. Mist! Jetzt saß er hier mit diesem armen Kerl ohne Eier und einem Loch im Bauch und einem im Gesicht. Da brauchte er keine anderen Probleme. So etwas durfte ihm nie mehr passieren, schwor er sich. Aber es half nichts, sie war nun mal in ihrem Fach die Beste, die sie hatten, und deshalb brauchte er sie hier. Er wählte ihre Nummer. „Niklas hier, ich hoffe ich störe nicht.“ „Ist das alles, was dir nach zwei Wochen einfällt?“ Er räusperte sich. „Nein, aber wir haben eine Leiche, gefoltert, könnte schwierig werden.“ „Ach so“, sie schaltete um auf professionelle Distanz, „dann gib mir dreißig Minuten. Wohin soll ich kommen?“

Niklas sah wieder auf die Uhr, halb zwölf inzwischen. Die berüchtigten 48 Stunden begannen zu laufen, in denen sie den roten Faden für den Fall in den Händen halten sollten. Sonst würde es schwierig bis unmöglich werden. Oder sie müssten auf einen günstigen Zufall hoffen. Und Niklas hasste diese Zufälle. Zwei Tage und zwei Nächte. Das war nicht viel.