20131123 KaffeeautomatDas 4. Kapitel (vierter und letzter Teil)

„Guten Morgen und willkommen bei der Soko ‚Brandmal‘ … schön, dass das wieder so kurzfristig funktioniert hat.“ Reinhold Krapp, der Chef wie sie ihn alle nannten, hatte Punkt neun Uhr den Besprechungsraum betreten und kam sofort zur Sache. Er blickte kurz in die Runde und nickte. Offensichtlich sind wir vollzählig, dachte Niklas und bewegte seine Augen unter den schweren Lidern einmal um den großen Tisch herum. Zu sechst waren sie, ziemlich viel für den Anfang. Der Chef schien die Sache wohl ernst zu nehmen. Niklas‘ Augen beendeten ihre Runde rechts von ihm bei Julia. Sie war unverändert, er sah nach unten, wieder die Turnschuhe. „Warst du gar nicht zuhause?“ „Nein, hab doch das Zeichen recherchiert … und dann waren es eh nur noch zwei Stunden.“, kam matt zurück. Er sah sie fragend an: „Und, wenigstens erfolgreich?“ „Wie man’s nimmt: es ist Jawi, so was wie ein erweitertes arabisches Alphabet, da bin ich mir ziemlich sicher. Laut Wikipedia wird diese Schrift in Brunei, Malaysia und Indonesien verwendet. Aber für mich sind es bis jetzt nur zwei Buchstaben. Mehr nicht.“ „Gibt’s da nicht immer mehrere Bedeutungen, so wie im Chinesischen?“  „Weiß nicht, hab es jetzt  intern weitergegeben. Da hätte ich mir mehr erhofft, irgendeinen Racheschwur oder so was in der Art.“ Niklas hob die Augenbrauen: „Na, nicht so schnell aufgeben, so leicht geht das hier nicht, was denkst du denn?“

Der Chef räusperte sich: „Also, kurz die Fakten: das Opfer heißt Leon Liars, 52 Jahre alt, wohnte erst seit einem Jahr in dem Penthouse. Geschäftsführer der Spedition xxx. Vor zwei Jahren war er angeklagt wegen angeblichem Kinderhandel, wurde dann aber freigesprochen.“ Julia sah aus den Augenwinkel, wie alle sich auf ihren Stühlen aufrichteten. Da verstand keiner ihrer Kollegen Spaß, egal ob Familienvater oder nicht.  „Die Sache hat damals für ziemlich viel Wirbel gesorgt. Deswegen habe ich auch den Kollegen Heid mit in die Soko genommen, er hat damals ermittelt.“

Sven Heid sah nur kurz auf, als sich alle Augen für einen kurzen Moment auf ihn richteten.

„Malter, Sie leiten die Soko. Informieren Sie mich täglich über den aktuellen Stand.“ Niklas nickte. Krapp würde sich auf ihn verlassen können. Er würde sein Bestes geben. Und diesmal alles, aber wirklich alles im legalen Rahmen, schwor sich Niklas. Wenn der Chef ihn diesmal schon wieder rausboxen müsste, würde dem das sicher absolut nicht gefallen.

„Ach ja, noch eines:“, hielt sie Krapp noch einmal auf, als sie bereits alle von ihren Stühlen aufgestanden waren. „Haltet mir die Presse draußen, solange es irgendwie geht. Ich will keine dieser Lynchjustiz-Aufrufe lesen, von wegen Gerechtigkeit für einen Kinderschänder oder so etwas. Und lasst ihr euch bei euren Ermittlungen auch nicht darauf einengen: das war ein Freispruch vor zwei Jahren, vergesst das nicht!“

Niklas und Julia standen auf dem Gang noch kurz nebeneinander. „Kaffee?“, fragte Julia, da stieß Niklas sie leicht an und zeigte mit dem Kopf in Richtung Tür. Von dem, was ihr Kollege Sven Heid dort zum Chef sagte, konnten sie nur Fetzen verstehen:  „… zu viel noch mit dem anderen Fall …außerdem ist meine Frau krank … Kinder kümmern … Ihnen dankbar, Herr Krapp … nicht zu dieser Soko …“ Die beiden entfernten sich langsam den Gang hinunter, da rief Niklas hinterher: „Hej, Sven, wir brauchen dich doch!“ Doch der drehte sich nur kurz um und zuckte halbherzig mit den Schultern, ohne ein einziges Wort. „Ist der immer so?“, fragte Julia. „Nein, der ist eigentlich ein Guter.“, raunte ihr Niklas zu.