20131105 Notizbuch34. Kapitel

Niklas waren wohl kurz die Augen zugefallen, aber jetzt schreckte ihn eine Stimme auf. Er blinzelte und sah den Kollegen von der Tür, wie er vorsichtig um die Ecke wies: „Dahinten ist es, Frau Dr. Gonzalez.“ Dann war die Gerichtsmedizinerin auch schon mit wenigen Schritten direkt vor ihm. Niklas erinnerte sich an ihre Beine, ärgerlicherweise viel zu genau. „Alles klar?“, hörte er sie von oben. Niklas drückte sich an der Wand ab und versuchte, so schnell wie möglich wieder auf Augenhöhe zu kommen. Den scharfen Stich im Knie ließ er sich nicht anmerken und beugte sich gleich Dr. Gonzalez entgegen, um sie mit einem Wangenkuss zu begrüßen, als er zu spät die Hand bemerkte, die sie ihm entgegenstreckte: „Hallo, Niklas.“ Gerade noch rechtzeitig brachte auch er seine Hand nach vorne: „Hallo, Isa.“

Niklas zückte hastig sein schwarzes Notizbuch, obwohl er ganz genau wusste, was er darin notiert hatte. „Also .. wir gehen davon aus, dass er gefoltert wurde.“, begann er, erläuterte seine ersten Vermutungen und kam am Ende zu dem Loch im Bauch: „Das ist uns völlig unerklärlich, hast du so etwas schon einmal gesehen?“ „Nein“, Isa Gonzalez trat näher an den Sessel heran und beugte sich über den Toten, „sieht so aus, als wäre das in einzelnen Stückchen herausgerissen worden.“ Sie rümpfte die Nase. „Wir müssen überlegen, wie wir ihn am besten zur Obduktion transportieren, ohne zu viele Spuren zu verlieren. Ich kümmere mich darum.“ Ihr Blick ging tiefer: „Habt ihr seine Hoden schon gefunden?“ Niklas schüttelte den Kopf. Sie sah Niklas ein paar Sekunden zu lange an: „Also ein Mann ohne Eier? Soll es ja geben …“ Auch mit dem zynischen Unterton fand Niklas ihre dunkle Stimme immer noch sexy. Vor allem im Kontrast zu ihren blonden Haaren, die so gar nicht dem Klischee einer Spanierin entsprachen. Er sah möglichst schnell wieder in sein Notizbuch: „Das andere Rätsel: wie wurde er überwältigt und fixiert? Wie du siehst, keine Kampfspuren. Ich hoffe, du findest da etwas, was uns weiterhilft.“ Niklas legte die Stirn in Falten, gab den angestrengt grübelnden Kriminalisten und konnte sich auf diese Art endlich abwenden und auf die Terrasse hinausstarren. Wo war nur seine Souveränität geblieben?

Am Gemurmel und Geklapper erkannte er, dass sich das Penthouse langsam zu füllen begann. Die Männer in ihren weißen Overalls arbeiteten sich akribisch von der Eingangstür her vor. Niklas kannte den Ablauf: immer wieder Blitzlicht, Markierungen, Anweisungen, Nummerntafeln. Blitzlicht … Stille. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wo die Kollegen jetzt standen. Tiefes Durchschnaufen, kurzes Aufstöhnen, aber das gab sich wieder. Schließlich waren das Profis. Von denen einige Niklas offenbar noch nicht kannten: „Lag hier außer dem Messer wirklich nichts rum? Die müssen doch eine ganze Menge Werkzeug dabei gehabt haben?“ Niklas schnellte herum: „Also bitte, Kollegen, meint ihr, ich habe hier was weggeräumt? Und woher wisst ihr, dass es mehrere waren? Wohl schon so viele Spuren identifiziert?“ Sollten sie doch ruhig merken, was er von Inkompetenz hielt, und er schob gleich nach: „Da hinten die Kleidung, schaut doch mal, ob sie dem Opfer gehört und ob die ihm jemand zusammengelegt hat?“ Er rieb sich die Augen, es war spät. Zu spät für ihn.

„Herr Malter, alles ok mit Ihnen?“ Niklas drehte sich langsam um. Diese Stimme kannte er: „Ja, klar, Herr Staatsanwalt.“ Der Gehlen. Sehr gut, dann konnte der ja weitermachen und für Niklas gab es nun nichts mehr zu tun hier. Außerdem standen der Staatsanwalt und Isa sowieso viel zu nah beieinander, wie Niklas fand. Er nickte ihnen knapp zu und ging. An der Ecke sah er noch einmal kurz über die Schulter: wieso war heute eigentlich schon wieder der Gehlen dran, hatte der nicht Urlaub?

Unten auf der Straße war kaum mehr ein Mensch zu sehen. Er klopfte an den VW Bus der Kollegen, die nur mit dem Kopf schüttelten. Nichts Verwertbares also von den gaffenden Zuschauern. Niklas konnte erst mal nach Hause. Als er seine Wohnungstür hinter sich schloss, ließ er seine Taschen vom Wochenende im Flur fallen. Warum hatte er die vorhin noch nicht nach oben gebracht? Ach so, ja … dann endlich Schuhe abstreifen, Bier aus dem Kühlschrank, auf’s Sofa fallen und ein sehr langer Zug aus der Flasche, bei dem ihn das aufgerissene Loch begleitete, sobald er die Augen schloss. War dieser Kerl jetzt ein armes Schwein oder ein perverses? Hatte er seine gerechte Strafe bekommen? Niklas wusste, dass er so nicht denken durfte. Keine Vorurteile, keine Schublade. Nur, was sollte das mit dem Kinderporno auf dem Fernseher? Er verstand es nicht. Weder dass der da lief noch dass es das überhaupt gab. Wie konnten erwachsene Männer nur … dann zog er sich sein Notebook herüber, klickte auf eines seiner Lesezeichen in der Rubrik „porns“ und gab ins Suchfeld ein: „Spanierin blond“.

„Guten Morgen und willkommen bei der Soko ‚Brandmal‘ … schön, dass das wieder so kurzfristig funktioniert hat.“ Reinhold Krapp, der Chef wie sie ihn alle nannten, hatte Punkt neun Uhr den Besprechungsraum betreten und kam sofort zur Sache. Er blickte kurz in die Runde und nickte. Offensichtlich sind wir vollzählig, dachte Niklas und bewegte seine Augen unter den schweren Lidern einmal um den großen Tisch herum. Zu sechst waren sie, ziemlich viel für den Anfang. Der Chef schien die Sache wohl ernst zu nehmen. Niklas‘ Augen beendeten ihre Runde rechts von ihm bei Julia. Sie war unverändert, er sah nach unten, wieder die Turnschuhe. „Warst du gar nicht zuhause?“ „Nein, hab doch das Zeichen recherchiert … und dann waren es eh nur noch zwei Stunden.“, kam matt zurück. Er sah sie fragend an: „Und, wenigstens erfolgreich?“ „Wie man’s nimmt: es ist Jawi, so was wie ein erweitertes arabisches Alphabet, da bin ich mir ziemlich sicher. Laut Wikipedia wird diese Schrift in Brunei, Malaysia und Indonesien verwendet. Aber für mich sind es bis jetzt nur zwei Buchstaben. Mehr nicht.“ „Gibt’s da nicht immer mehrere Bedeutungen, so wie im Chinesischen?“  „Weiß nicht, hab es jetzt  intern weitergegeben. Da hätte ich mir mehr erhofft, irgendeinen Racheschwur oder so was in der Art.“ Niklas hob die Augenbrauen: „Na, nicht so schnell aufgeben, so leicht geht das hier nicht, was denkst du denn?“

Der Chef räusperte sich: „Also, kurz die Fakten: das Opfer heißt Leon Liars, 52 Jahre alt, wohnte erst seit einem Jahr in dem Penthouse. Geschäftsführer der Spedition xxx. Vor zwei Jahren war er angeklagt wegen angeblichem Kinderhandel, wurde dann aber freigesprochen.“ Julia sah aus den Augenwinkel, wie alle sich auf ihren Stühlen aufrichteten. Da verstand keiner ihrer Kollegen Spaß, egal ob Familienvater oder nicht.  „Die Sache hat damals für ziemlich viel Wirbel gesorgt. Deswegen habe ich auch den Kollegen Heid mit in die Soko genommen, er hat damals ermittelt.“ Sven Heid sah nur kurz auf, als sich alle Augen für einen kurzen Moment auf ihn richteten. „Malter, Sie leiten die Soko. Informieren Sie mich täglich über den aktuellen Stand.“ Niklas nickte. Krapp würde sich auf ihn verlassen können. Er würde sein Bestes geben. Und diesmal alles, aber wirklich alles im legalen Rahmen, schwor sich Niklas. Wenn der Chef ihn diesmal schon wieder rausboxen müsste, würde dem das sicher absolut nicht gefallen. „Ach ja, noch eines:“, hielt sie Krapp noch einmal auf, als sie bereits alle von ihren Stühlen aufgestanden waren. „Haltet mir die Presse draußen, solange es irgendwie geht. Ich will keine dieser Lynchjustiz-Aufrufe lesen, von wegen Gerechtigkeit für einen Kinderschänder oder so etwas. Und lasst ihr euch bei euren Ermittlungen auch nicht darauf einengen: das war ein Freispruch vor zwei Jahren, vergesst das nicht!“

Niklas und Julia standen auf dem Gang noch kurz nebeneinander. „Kaffee?“, fragte Julia, da stieß Niklas sie leicht an und zeigte mit dem Kopf in Richtung Tür. Von dem, was ihr Kollege Sven Heid dort zum Chef sagte, konnten sie nur Fetzen verstehen:  „… zu viel noch mit dem anderen Fall …außerdem ist meine Frau krank … Kinder kümmern … Ihnen dankbar, Herr Krapp … nicht zu dieser Soko …“ Die beiden entfernten sich langsam den Gang hinunter, da rief Niklas hinterher: „Hej, Sven, wir brauchen dich doch!“ Doch der drehte sich nur kurz um und zuckte halbherzig mit den Schultern, ohne ein einziges Wort. „Ist der immer so?“, fragte Julia. „Nein, der ist eigentlich ein Guter.“, raunte ihr Niklas zu.