20130727 Parkhaus KurveDas zweite Kapitel (erster Teil)

Julia bog in die schmale Stichstraße ab, sah Niklas Wagen halb auf den Gehweg geparkt stehen, stellte ihren Kombi dahinter und stieg aus. Die wenigen Parkbuchten, die es hier gab, waren alle belegt. Sie sah sich um: ah, da ging es hinunter zur Tiefgarage, hätte sie sich auch denken können bei dieser Wohngegend. Vorne am Wendekreis standen zwei Streifenwagen, deren Blaulicht die kleinen Menschengrüppchen am Straßenrand in trägem Rhythmus erleuchtete. Sie erkannte Niklas an einem der Streifenwagen, offenbar schon im Gespräch mit den beiden Kollegen, und beeilte sich, zu ihm zu kommen. Er sah kurz zur Seite: „Hi, Julia!“, um dann die beiden Streifenpolizisten noch schnell abzukanzeln: „… und schaltet das blöde Licht aus, das zieht die Leute ja an wie die Fliegen.“

Auch nicht besser als bei mir am Telefon, dachte Julia. Doch da leuchteten Niklas Augen und er grinste sie an: „Na, da schauen wir uns das Ganze doch mal an, oder Julia?“ Der Kriminalist in Niklas gewann offenbar gerade die Oberhand. Schön. Es waren einige Meter zu gehen. Dabei erkannte Julia in der Dunkelheit eine kleine parkartige Anlage mit Beeten. Sie konnte nicht anders und musste sich kurz bücken, um den Rasen zu berühren. Ein dichter weicher Teppich. Hier gab sich also jemand sehr viel Mühe oder besser gesagt: man bezahlte ihn, sich sehr viel Mühe zu geben.

Vor dem großzügigen, völlig verglasten Eingangsbereich standen die nächsten beiden Kollegen. „Es ist oben im fünften Stock, das Penthouse. Aber es gibt einen Aufzug.“ „Danke. Wart ihr als erste hier gewesen, wegen des Anrufs?“ „Nein, das waren die beiden Kollegen oben.“ „Zum Glück“, ergänzte der andere. Niklas und Julia sahen sich an. Ok, weiter. Sie traten in den Eingangsbereich, wo nach wenigen Metern die Fliesen schon von einem Teppich abgelöst wurden. „Aufzug oder Treppe?“, fragte Niklas, sah auf ihre Sportschuhe und entschied selbst: „Treppe.“

20130628 SMS

 

 

Episoden von Julia Claasen und Niklas Malter (vierter Teil)

Niklas stand vor dem persischen Restaurant, das Julia ausgewählt hatte. Es waren noch gut zehn Minuten Zeit. Denn zum einen hatte er auf keinen Fall zu spät kommen wollen und zum anderen wollte er es genießen, wenn sie ausstieg, ankam … was auch immer, wollte sehen, wie sie sich gekleidet hatte, wie sie ihn anlächelte .. hoffentlich! .. und wie sie dann auf ihn zukam. Niklas nutzte die Zeit und schrieb schnell noch eine Nachricht auf seinem Handy: „Yes! Gehe heute Abend mit ihr aus. Dein Stick war wohl genau das Richtige. Du hast was gut bei mir, Matthes, Danke!“ „:-)) freut mich, aber mach langsam, weißt schon, was ich meine“, kam postwendend zurück. Niklas biss sich auf die Lippe. Ja, Matthes hatte Recht. Er musste aufpassen, unbedingt.

Doch fast hätte er seine guten Vorsätze gleich wieder vergessen. Denn da kam sie und stieg aus dem Taxi aus. Er hatte Julia noch nie in einem Kleid gesehen und erst recht nicht in diesem. Ihre Absätze waren gerade so hoch, dass sie ihre Beine perfekt zur Geltung kommen ließen, und doch noch weit davon entfernt, ordinär oder gar nuttig zu wirken. Und sie konnte sich in ihnen offenbar völlig entspannt und lässig bewegen. Sie schritt auf ihn zu, dezent geschminkt, das Haar offen … auch das hatte Niklas noch nicht allzu oft gesehen … und lächelte ihn tatsächlich an. Der Abend würde ihm also einiges abverlangen, aber Niklas war bereit, es diesmal mit seinem verfluchten Malter-Tier aufzunehmen, das schon wieder an ihm zerrte. Nein, jetzt nicht, vermassel mir das nicht!

Drei Stunden später verließen sie beide lachend und nah beieinander gehend das Lokal. Beim Türöffnen berührte Niklas Julia leicht am Arm und sie ließ sich die wenigen Meter so führen. Sie hatte das richtige Lokal gewählt. Nicht förmlich und steif, aber doch elegant, auf jeden Fall mit Stil. Die Bedienungen freundlich und immer zur Stelle und doch zurückhaltend. Das alles ganz ohne Alkohol. Und das persische Essen schmeckte ihr sowieso. Safran, Kurkuma, Anis, Limonen und viel Minze. Niklas hatte es auch geschmeckt, obwohl er einige dieser Gewürze bisher nur dem Namen nach gekannt hatte. Hatten einige davon nicht aphrodisierende Wirkung? Das musste er unbedingt nochmal googeln. Wenn ja, dann wäre das doch ein deutliches Signal, oder?

Ansonsten war das ein typisches Erste-Mal-Treffen. Erst Smalltalk, dann Berufliches, vor allem Berufliches, da hatte Niklas natürlich einiges erzählen können, aber auch Julia. Und viel Lachen, weil auch die  grausamen Fälle voll mit schrägen Typen und skurrilen Szenen waren. Lachen auch über andere, Kollegen, Staatsanwälte, Richter. Zu zweit über andere, erste verbindende Gemeinsamkeiten.

Julia stieg ins Taxi. Wie charmant er sein konnte! Er hatte es geschickt angestellt. Das hatte sie genau gespürt, aber egal. Wie lange war es her, dass sie sich so beachtet und hofiert gefühlt hatte? Bei Jo ganz am Anfang vielleicht, dem sie – genau genommen – diesen Abend sogar verdankte … „Ähmm“, der Taxifahrer räusperte sich. „Hallo, die Dame. Wo soll’s denn jetzt hingehen? Das müssten sie mir langsam schon sagen.“ Es klang eher amüsiert als genervt. Und Julia ließ sich nach Hause fahren.

Niklas hieß seinen Taxifahrer noch kurz warten, bis Julia weg war. Dann sank er in den Rücksitz und atmete tief durch. Es war gut gewesen, sehr gut sogar. Er war gut gewesen. Und er war sich sicher, es würde eine Fortsetzung geben. Geschafft, was wollte er mehr?! Hmm, naja, gab es da nicht noch was? Also war es wohl so weit, das Malter-Tier durfte endlich wieder raus. Er tippte auf eine der eingespeicherten Nummern in seinem Handy: „Niklas hier, guten Abend, du Schöne! Hättest du denn ein Stündchen Zeit für mich? Gut, dann bis gleich, Yvette.“ Und Niklas nannte dem Fahrer die Adresse.

20130619 StehtischeEpisoden von Julia Claasen und Niklas Malter (dritter Teil)

„Verdammt, das nervt. Wir kommen kein Stück weiter!“ Niklas versetzte seinem Wagen einen imaginären Fußtritt. „Gehen wir schnell was essen? Um die Ecke ist der Bosporus. Nur ein Imbiss, aber der hat auch gute Mittagsgerichte, nicht nur Döner.“ Julia nickte. Wenige Minuten später aßen sie schon an einem der Stehtische, jeder noch in seinen Gedanken. Ruhig hinsetzen passte für beide nicht zu einem Stand der Ermittlungen, wo Pausen nicht angebracht waren, wo es endlich weitergehen musste.

„Willst du zur Abwechslung mal was Positives hören?“, beendete Julia das Schweigen. „Ja, wär nicht schlecht.“ „Der Scheißkerl hat sich wieder gemeldet.“ „Ah“, Niklas Augen blitzten, „und?“ „Er war nicht sehr gesprächig, es war eine sehr kurze Mail, genau genommen waren es nur drei Wörter.“ Julia lachte hell auf. „Du miese Schnüfflerin.“  Niklas nickte bedächtig. „Sehr gut.“

„Also ein guter Grund, dass ich dich heute einlade.“ sagte Julia und wollte zum Tresen gehen. „Nein“, Niklas legte ihr die Hand auf den Arm, „so leicht kommst du mir nicht davon.“ Sie sah das erste Mal seine Hand bewusst an. Eine schlanke Hand, lange Finger, sorgfältig gepflegte Nägel und kein Ring. „Heute zahle ich, und du lädst mich irgendwann richtig ein, dem kleinen Stick und seinem nützlichen Inhalt angemessen.“ Julia lächelte. „Ok, einverstanden, angemessen.“ Und sie war selbst überrascht, dass sie sogar schon eine Idee hatte.

stickEpisoden von Julia Claasen und Niklas Malter (zweiter Teil)

Jetzt saßen sie schon zwei Stunden hier im Dunkeln in Julias Kombi und hatten den Eingang des Mietshauses im Blick. Oben im sechsten Stock links brannte immer noch Licht. Ab und zu ließ sich ein Schatten erahnen, der sich von einem Raum in den anderen bewegte, aber offenbar immer noch keine Anstalten machte, seine Wohnung zu verlassen und endlich das zu tun, wovon Julia und Niklas immer noch überzeugt waren, dass er es heute tun würde.

„Hast du denn von dem Scheißkerl noch was gehört?“ fragte Niklas in die Stille, während er weiter geradeaus blickte. Julia drehte sich abrupt nach rechts und sah ihn von der Seite an. War das etwa ein Grinsen in seinen Mundwinkeln? „Nein, nichts mehr. Wahrscheinlich hatte er gehofft, ich würde reagieren auf seine Mail. Aber den Gefallen hab ich ihm nicht getan! Jetzt warte ich einfach ab, was passiert.“

Niklas kramte in seiner Hosentasche, zog einen USB-Stick heraus und reichte ihn Julia hinüber. „Vielleicht solltest du nicht nur abwarten, sondern ihm eine der Dateien schicken, die hier drauf sind.“ Jetzt grinste Niklas tatsächlich. „Ich hab‘ mal ein bisschen rumhören lassen. Schließlich gibt’s den Namen nicht ganz so häufig. Und ich denke nicht, dass er noch groß was über deine Mutter veröffentlichen wird, wenn er weiß, dass du das hier in der Hand hast.“ Er deutete auf den Stick, den Julia zwischen den Fingerspitzen hielt, als ob es etwas Schmutziges wäre. Wahrscheinlich war es das auch, dachte sie. „Eine einzige Datei hätte wohl schon gereicht“, schob Niklas nach, „aber: sicher ist sicher:“

„Danke!“, jetzt grinste Julia auch. Na, wenn das so ist .. komischerweise fühlte sie keinerlei Skrupel. „Ich denke, der Scheißkerl wird es so schnell wie möglich bekommen.“, und fast hätte sie sich hinübergebeugt und Niklas umarmt. Aber das ging natürlich nicht.

Zwischen Julia Claasen und Niklas Malter fliegen während der Ermittlungen häufig die Fetzen. Gleichzeitig kommen sie sich aber doch näher. So die Vorgabe. Dieser Handlungsstrang verläuft parallel zur Ermittlung und erstreckt sich über mehrere Kapitel. Einige Episoden dazu sind bereits entstanden, hier die erste:

Episoden von Julia Claasen und Niklas Malter (erster Teil)

Es wurde wieder spät heute. Julia Claasen und Niklas Malter saßen sich an ihren Schreibtischen gegenüber. Die langweiligen Routinearbeiten, unspektakulär. Niklas sortierte Unterlagen in den Akten und sah die Aufzeichnungen und ersten Verhörprotokolle durch. Schließlich wusste man nie, welche Dokumente später in einem Verfahren relevant werden könnten. Er hatte die Beine hochgelegt, mit den italienischen Schuhen auf dem grauen Standard-Bürocontainer. Ab und zu nippte er an der Tasse mit grünem Tee.

Julia starrte auf den Bildschirm und recherchierte all die Personen, von denen sie bisher Namen erfahren hatten. Nicht immer einfach. Namensänderungen bei Heirat, Umzüge, Auslandsaufenthalte, trotzdem so viel wie möglich von den Lebenslinien aufspüren, vielleicht gab es ja eine Verbindung. Das war kein genialer Internet-Hack, sondern stupides Sichten von Melderegistern, Verknüpfungen von Steuernummern, Bankverbindungen und Geldflüssen, schließlich mussten ja alle von irgendetwas leben. Mühsames Handwerk also, das im Fernsehkrimi allenfalls den immer weiblich besetzten Nebenrollen zufiel.

Bei solchen Arbeiten überkam Julia regelmäßig ein Heißhunger auf Schokolade. In der Schublade lag noch eine Tafel, das wusste sie. Nur würde sie Niklas etwas anbieten müssen, wenn sie sie jetzt herausholte. Das dezente Pling-Pling ihres Handy unterbrach sie. Mail. Sie wischte über den Schirm und sah den Absender: Jo. Betreff: „Werde die Story doch bringen“. Würde der nie aufhören? Vor zwei Monaten hatte sie ihn vor die Tür gesetzt und trotz seiner Enttäuschung hatte er ihr damals noch versprochen, die Sache endlich sein zu lassen. Und sie hatte ihm geglaubt. Hatte gedacht, dass er verstanden hätte, wie sehr er sie damit verletzen würde. Das zählte wohl jetzt alles schon nicht mehr. Julia überflog die wenigen Zeilen. „Dieser Scheißkerl“, entfuhr es ihr.

Niklas sah kurz auf von seinen Papieren und zu ihr herüber. Ein Stirnrunzeln, dann las er weiter. Na prima, was hatte sie sich auch anderes erwartet von ihrem tollen Kollegen? Die vielen Daten auf dem Bildschirm verschwammen vor ihren Augen. Recherche. Klar, damit konnte man vieles herausfinden, wenn man nur lange genug suchte. Selbst als kleiner mieser herumschnüffelnder Journalist, dem auch nach Jahren noch die große Story für den Durchbruch fehlte. Nur warum musste das gerade ihre Mutter sein? Und warum wurde sie das Gefühl nicht los, dass Jo es schon lange darauf angelegt hatte, vielleicht sogar von Anfang an? Julia zog die Schublade auf, riss die Verpackung von der Schokolade und begann, Rippe für Rippe in sich hineinzustopfen.

„Was ist denn jetzt mit diesem Scheißkerl?“, Niklas hatte seine Papiere beiseite gelegt und sah sie an. Vor lauter Überraschung begann Julia einfach zu erzählen. Von Jo, dem Scheißkerl, ihrem Ex-Freund, der als Journalist hinter einer Story von ehemaligen RAF-Sympathisanten her war, von denen es auch eine Verbindung zu ihrer Mutter geben sollte, obwohl ihre Mutter ihr gegenüber das immer noch abstritt. Und von der Mail, in der Jo triumphierend ankündigte, jetzt endlich eine Redaktion gefunden zu haben, die die ganze Story bringen würde, und dass sich alles mit ihrer Mutter inzwischen ganz eindeutig verhielte. Stille. Julia fühlte sich erleichtert und die Schokolade war auch weg. Ohne dass sie Niklas davon abgeben musste. Fast hätte Julia sogar geschmunzelt. „Wirklich ein Scheißkerl“, sagte Niklas unvermittelt. „Aber hat so ein Scheißkerl denn noch einen anderen Namen als Jo?“ „Johannes Meybrugg mit e-y und Doppel-g am Ende“, antwortete Julia und wunderte sich, dass Niklas diesen Namen offenbar auf einen Zettel notierte und den in seine Sakkotasche steckte. „Ich denke, für heute reicht es. Gehen wir.“

20130512 Turnschuhe2Das 1. Kapitel (vierter und letzter Teil)

Also hieß es auch jetzt wieder dagegenhalten, beschloss Julia, kurz und knapp: „Eine Leiche eben, <.aus der Phase Verbrechen>, klang nicht gut, was sie mir gesagt haben, <….>„. „Wo ist es?“ „<…>, soll ich dich abholen, sag mir einfach, wo ich dich aufsammeln soll?“ „Nein, nicht nötig, wir treffen uns dort!“ Oh, oh, da will ja einer wohl wieder maximalen Abstand haben, dachte sich Julia. Meinetwegen, soll er doch.

Sie zog sich die Jacke über – schließlich wurde es nachts doch noch empfindlich kühl – und schlüpfte in ihre Sportschuhe. Abendliche Eleganz war bei diesem Fundort sicher nicht angebracht.

Als sie hinten um ihren Kombi herumgeht, fällt ihr Blick auf den Fallschirm und die Ausrüstung im Kofferraum. Sie bleibt neben der Fahrertür stehen, hält ihr Gesicht in den Abendwind und schließt kurz die Augen. Der Sprung vom Nachmittag spult an ihr vorbei, der Moment, wo der Kontakt zum Flugzeug verloren geht, kein Zurück mehr, der Sturz auf diese winzige Welt zu, das elegante Gleiten, mit der kleinsten Körperbewegung steuerbar, und dann der Schirm, ein großer schützender Schatten über ihr, der sie auffängt nach diesem Rausch, Geborgenheit, Routinelandung und sofort die Sehnsucht: nochmal, immer wieder! Was gibt es Schöneres … und was braucht sie noch Männer, paah!

Julia Claasen steigt ins Auto, startet und stellt überrascht fest: trotz Niklas Malter freut sie sich auf den neuen Fall.

20130508 NightclubDas 1. Kapitel (dritter Teil)

Stille am anderen Ende. Dann: „Niklas, wo bist du denn?“ „Kann doch dir egal sein, so was wie ne Bar, bin nur eben raus, um in Ruhe mit dir reden zu können.“ Malter bemüht sich erst gar nicht, höflich zu sein. Sonst interessierte sie sich doch auch nicht dafür, wo er abends noch hinging. Was bildet die sich denn schon wieder ein? Aber gut, schließlich ist er Profi, also ganz ruhig zu Julia: „Was gibt’s denn, warum rufst du an?“

 

Nie und nimmer war das eine Bar, dachte sich Julia. Wenn der gleich so reagierte. Sie selbst konnte sich auch Besseres vorstellen für einen Sonntag Abend, als ihren Kollegen anzurufen. Vor einem halben Jahr erst wurden sie als Team zusammengesteckt. Da hatte sie sich noch gefreut. Denn auch wenn Niklas Malter mit seinen 31 Jahren gar nicht so viel älter war als sie, galt er doch schon als sehr erfahrener Ermittler. Von dem kannst du was lernen, hatten ihre Kolleginnen gesagt, und außerdem … so attraktiv wie der ist! Das Gezwinkere und Gekichere hätten sie sich ruhig sparen können. Lieber hätten sie ihr sagen sollen, dass Malter als Mann und erst recht als Kollege eine ziemliche Zumutung sein konnte. Nur gut dass sie auch nicht zimperlich war, das hatte sie ihm schnell klargemacht.

20120510 PeepshowDas 1. Kapitel (zweiter Teil)

Als er die Tür aufdrückte, war es natürlich nicht die Aufregung wie damals mit Siebzehn mit Matthes. Doch der Tonfall dieser Mikrofon-Stimme mit der slawischen Färbung, die gerade eine gewisse Jennifer auf die sich drehende Bühne rief, war ihm seltsam vertraut. Genauso wie der kalte Rauch und Schweiß, der in der Kabine hing, in die es ihn sofort gezogen hatte. Malter sah sich wieder mit Matthes zu zweit vor der Glasscheibe, eng gedrängt. Die Mädels hatten sich damals zwar amüsiert, aber immerhin konnten sie auf diese Weise für ihr weniges Geld die doppelte Zeit schauen.

Heute langweilte er sich bei den jungen Dingern, die sich verrenkten und zuckten, weil sie glaubten, dadurch besonders sexy zu wirken. Die waren wohl noch niemals so richtig … und trotzdem warf er immer wieder Euros nach. War doch egal. Er erinnerte sich, warum ihm das Pussydoll eingefallen war: vor drei Jahren hatte er hier sogar ermittelt. Ein Mann war erstochen in einer Kabine aufgefunden worden und Malter hatte alle Verhöre geführt. Doch heute erkannte er keine der Frauen wieder. Die Erfahreneren hatten ihm damals bei diesen Vernehmungen zugesetzt, hatten einen geübten Blick für seine schwache Stelle gehabt. Doch er war durchgekommen.

 

Jetzt endlich direkt vor ihm hinter der Scheibe eine Ältere, wenn man das bei vermutlich Mitte Zwanzig so sagen kann. Bei ihr kommt auch Niklas Malter zum Glück ein wenig in Stimmung. Gerade als seine Hand nach unten wandert und den Reißverschluss seiner Hose sucht, vibriert sein Handy. Er schaut auf das Display: „Julia Claasen“.

Wenn ihn seine Kollegin an einem Sonntagabend anruft, bedeutet das nichts Gutes. Leider. Denn Julia zu einem Anruf aus anderen Anlässen zu bewegen, war ihm bislang nicht gelungen. Er sieht sie plötzlich vor sich, lange blonde Haare, oft hinten zusammengebunden, und genauso oft dieses Lächeln, ihm gegenüber immer irgendwo zwischen schnippisch und herausfordernd. Das gefiel ihm mehr als alles andere, was er heute Abend gesehen hatte, gesteht er sich zerknirscht ein.

Malter besinnt sich und flucht. Verdammt, hier kann er nicht mit seiner Kollegin sprechen. Er entriegelt die Tür, stößt beinahe mit einem geil grinsenden alten Mann zusammen, hetzt an den anderen Kabinentüren vorbei, und nimmt, kurz bevor er auf der Straße steht, den Anruf an: „Ja, Julia?“

20130508 Strasse

Das 1. Kapitel (erster Teil)

Er hatte tatsächlich das ganze Wochenende nicht an Sex gedacht. Niklas Malter schüttelte den Kopf. Wann war ihm das zum letzten Mal passiert? Oder sollte er sagen: gelungen? Allerdings waren Klassentreffen und der Besuch bei seinen Eltern auch nicht gerade erotisierende Angelegenheiten, dachte er, während er gerade den letzten freien Parkplatz in seiner Straße sichtete und seinen BMW souverän einparkte.

Der Motor jetzt aus. Doch Malter blieb in der Dämmerung sitzen und sah an den Altbaufassaden hoch. Zwei Jahre wohnte er jetzt schon hier in der großzügigen Wohnung, die er sich auch alleine von seinem Gehalt als Kriminalhauptkommissar inzwischen gut leisten konnte. Er hatte sie neu eingerichtet, alte Stücke von seinen Großeltern, die Kommode, der breite Kleiderschrank und vor allem der Ohrensessel, den er sich neu hat beziehen lassen. Dazu einige teure Designerstücke, der moderne Esstisch und vor allem mehrere Lampen, die ins Geld gegangen waren. Den Rest dann mit Ikea vervollständigt. So war die Wohnung sogar noch schöner geworden, als er sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Was sicher auch daran lag, dass er zur Zeit des Einrichtens mit einer jungen Kunststudentin liiert gewesen war, die sich jedoch kurz danach ebenso überstürzt von ihm getrennt hatte wie die meisten ihrer Vorgängerinnen. Doch trotz der schönen Wohnung gab es immer wieder Tage und Abende wie heute, an denen sich Malter nicht darauf freute heimzukommen.

 

Darum saß er in seinem Ledersportsitz, sah den wenigen Passanten hinterher oder blickte einfach nur geradeaus auf den Wagen vor ihm. Er wusste, wie sich das Ziehen gleich anfühlte, und er wusste auch, dass er diesem Ziehen gleich bereitwillig nachgeben würde. So verließ er schon nach wenigen Minuten seinen kostbaren Parkplatz wieder und fuhr noch einmal los.

Wahrscheinlich lag es an Matthes, seinem alten Schulfreund, und daran, dass sie das ganze Wochenende nur in alten Erinnerungen geschwelgt hatten, dass er jetzt eine Peepshow ansteuerte. Wie in alten Zeiten. So entschied er sich für das Pussydoll, weil es die einzige war, an die er sich spontan erinnerte.

wb_001Im ersten Kapitel soll Niklas Malter, der von euch beschriebene und benannte Ermittler als Person mit ersten Charakterzügen sichtbar werden. Außerdem habt ihr drei Konflikte mit anderen Personen angelegt, die sich bereits andeuten werden:
die Beziehung zu seinem besten Freund aus den Schultagen, von dem nicht klar ist, wo er steht .. auf der hellen oder der dunklen Seite. Er wird in den späteren Ermittlungen eine wichtige Rolle spielen.
Dann die Beziehung von N.M. zu seinen Eltern, insbesondere zu seiner Mutter.
Und natürlich das Spannungsfeld mit seiner Kollegin (die dann im zweiten Kapitel ihren Raum bekommen wird).
Vor allem aber geht es um das zentrale Motiv, das N.M. bestimmt: seine Pornographie-Abhängigkeit oder Sexsucht. Sein schwacher Punkt, der ihn in den Ermittlungen zum Verhängnis werden könnte und der auch sein ganzes persönliches Auftreten prägen wird, indem er mit der nötigen Arroganz sich und andere über diese Sucht hinweg zu täuschen versucht.

Das ist dann auch schon eine ganze Menge für das erste Kapitel. Zur Handlung: N.M. wird von einem Klassentreffen, verbunden mit einem Besuch bei seinen Eltern, auf dem Weg nach Hause sein.

Bei den Orten bin ich noch nicht sicher. Kiel und Berlin sind mal eine erste Arbeitshypothese.